Gildenhaus Thendara - 7
Natur. Sie haben sonst nichts”
„Ihre Natur!” rief Felicia aus den Schatten. Ihre Augen waren noch geschwollen, ihre Stimme klang heiser. „Sollen wir ihnen ihr Besitzstreben verzeihen, wenn ich mit ansehen mußte, wie mein Sohn von mir weggerissen wurde? Er weinte, er schrie nach mir…” Bebend vor Zorn fuhr sie auf Lauria los. „Ihre Natur! Verlangt ihre Natur, daß sie die Herrschaft über die Welt haben, über ihre Frauen und ihre Söhne, daß sie und sie allein das Recht auf Unsterblichkeit durch ihre Kinder besitzen? Was haben sie da für eine Welt aufgebaut, wo eine Frau ihren Sohn hergeben muß, damit er lernt, zu kämpfen und zu töten und damit seine Männlichkeit zu beweisen,
niemals zu weinen, niemals Furcht zu zeigen, den Drang nach Besitz in seine Natur aufzunehmen… damit sie ihn zu der Art von Mann machen, vor der ich geflohen bin - liegt es nicht auch in meiner Natur, mir Söhne zu wünschen? Und wird mir das hier unter euch nicht verweigert?” Sie legte das Gesicht in die Hände und brach von neuem in herzzerreißendes Weinen aus.
Janetta regte sich auf: „Möchtest du dann, daß deine Söhne unter uns aufwachsen, damit sie sich, wenn sie erwachsen sind, gegen uns wenden und versuchen, uns zu ihrem Besitz zu machen?”
Rafaella knurrte: „Es müßte einen besseren Weg geben, als sie der anderen Welt auszuliefern, die aus ihnen Männer von der Art macht, die wir hassen. Könnten sie unter uns aufwachsen, würden sie vielleicht anders…” „Sie würden auf jeden Fall zu Männern aufwachsen” rief Janetta, „und Männer gehören nicht hier ins Gildenhaus!”
Mutter Lauria hob die Hände und versuchte, sie zum Schweigen zu bringen, aber der Aufruhr wurde immer stärker. Magda dachte, und es trieb sie beinahe zur Verzweiflung, daß sie nicht wußte, ob es ihre eigenen Gedanken oder die einer anderen waren: Wir geben unsere Söhne her, weil das alles ist, was die Männer von uns wollen. Vielleicht ist das, was sie hier zu tun versuchen, hoffnungslos und unnatürlich…
In eine plötzliche Stille hinein sagte Jaelle: „Ich habe - manchmal - gedacht, ich hätte gern ein Kind. Ich habe - einige von euch für dumm gehalten, daß sie es zuließen, schwanger zu werden” Sie faltete die Hände im Schoß, um sie nicht zu ringen. „Aber wie soll man es wissen? Im Eid heißt es, daß wir ein Kind nur dann gebären dürfen, wenn es unser Wunsch ist. Wie soll man wissen… wie soll man wissen, ob es der eigene Wunsch ist oder…oder nur der Wunsch, ihm Freude zu machen?”
„Wenn du zwei oder drei Kinder geboren hättest”, sagte Keitha mit großer Bitterkeit, „würdest du es wissen”
„Wirklich?” fragte Rafaella, und Magda spürte die Verwirrung und Bestürzung. Rafaella hatte Söhne geboren und sie hergegeben, und Felicias Elend zerriß ihr das Herz… Woher weiß ich all das?
Cloris meinte: „Verwenden wir hier nicht unsere ganze Zeit darauf, zu lernen, unsere eigenen Gedanken und Wünsche von dem zu trennen, was die Männer von uns erwarten?”
„Nein”, widersprach Jaelle. „Ein normaler Verstand kann das
nicht unterscheiden, so etwas wird nur in den Türmen gelehrt - oh, es hat keinen Sinn, euch das zu erklären, ihr habt nicht einmal Laran, wie könntet ihr es begreifen?” Und wieder erkannte Magda, daß Jaelle nichts davon laut ausgesprochen hatte außer einem erstickten „Nein…” Dann war sie zitternd verstummt. Marisela beugte sich zu Jaelle hinüber und nahm ihre Hand mit einem festen Griff, der die rothaarige Frau zum Schweigen brachte. Magda hörte kaum, was Mutter Lauria sagte:
„Du hast uns einen weiteren wichtigen Punkt genannt, über den wir nachdenken müssen. Wie erkennen wir, ob wir unserm eigenen Willen folgen oder dem Willen eines anderen, dessen Beifall uns wichtig ist?” Sie sprach weiter, aber Magda hörte nicht mehr zu und bekam von dem Rest der Schulungssitzung nur Bruchstücke mit. Eine der Frauen wies darauf hin: „…wenn wir alle es ablehnten, Kinder zu bekommen, und wenn alle Frauen wie wir wären, würden wir aussterben wie die chieri. Das Verlangen einer Frau zu gebären ist ihr angeboren wie dem Mann das Verlangen zu zeugen!” Daraufhin protestierte Janetta: „Das ist kein echtes Verlangen, das aus uns selbst kommt, sondern es ist uns eingeredet worden! Ich habe nie einen Mann gehabt und werde nie einen haben; ich halte es nicht für richtig, daß eine Entsagende sich von den Männern und ihrer Welt und ihrem Besitz loslöst und doch
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