Glencoe - Historischer Roman
ließen Buchan fahrig und zögerlich erscheinen. Aus seiner Rede war zu erkennen, dass er derzeit nicht einmal ahnte, wo sich Livingstones Truppen befanden, wie viele Männer zu Fuß und zu Pferd er bei sich hatte und wohin er sich wenden würde.
»Ich habe den Aufruf, Euch in Cromdale zu treffen, wie gewünscht unter den Clans verbreitet«, ergriff Lochiel das Wort.»Aber ich gebe zu bedenken, dass ich das lange Flusstal für keinen geeigneten Lagerplatz halte. Wir befänden uns dort mitten im Gebiet des Clan Grant, dessen Chief sich für den Willie erklärt hat, ja wir stünden seiner Festung Ballachastell geradezu gegenüber …«
»Das entspricht meiner Absicht«, fiel Buchan ihm ins Wort. Offenbar wusste er nicht, welches Gewicht dieser Stimme, die er achtlos übertönte, unter den Männern zukam. »Zufällig ist mir bekannt, dass die Mehrzahl der Grants sich uns anschließen würde, hätte ihr Chief nicht solchen Verrat begangen. Vor diese Schwankenden stelle ich mich nicht als Feigling hin, der sich versteckt, sondern als Feldherr, der Vertrauen weckt, indem er offen seine Standarte hisst.«
»Solange die Standarte nicht überrannt wird«, wandte Lochiel ein. »Die Hügel um die Ebene sind niedrig, der Wald ist spärlich und Lethendry Castle nicht mehr als eine Ruine. Es widerstrebt einem Hochländer, sich zum Schlafen niederzulegen, wo er vor Reiterangriffen so schlecht geschützt ist.«
Buchan warf Cannon einen unwilligen Blick zu. Vermutlich begriffen beide, dass Lochiel recht hatte – es mangelte ihnen schließlich nicht an Erfahrung –, aber sie waren weder biegsam genug, lang gehegte Pläne zu ändern, noch besaßen sie die Größe, mit der Dundee die Entscheidung in solchem Fall einem Kundigeren anvertraut hätte. »Wir gehen nach Cromdale«, bestätigte Buchan daher schlicht, und Lochiel sagte nichts mehr. Auch der Rest der Versammelten nahm die Entscheidung ihres Befehlshabers schweigend hin; nicht wenige mochten, während sie zu ihren Schlafplätzen schlichen, hoffen, es würde schon gutgehen und sie würden nicht zu lange in Cromdale bleiben müssen.
So zogen sie das Ostufer des Flusses entlang, nicht mehr als tausendfünfhundert Mann, wie Lochiel geschätzt hatte, und unterwegs kam nicht einer mehr dazu. In Culnakyle lagerten sie noch einmal über Nacht, und im Morgengrauen des 30. Aprilbrachen sie nach Cromdale auf. Je weiter sie kamen, desto dichter ballten sich Nebel, desto lastender trübte sich der Himmel.
»Es ist der Tag vor der großen Nacht!«, brüllte Keppoch. »Wie soll ein Hochlandbulle das ohne ein paar Weiber aushalten? Wenn wir in die Ebene kommen, machen wir ordentlich einen drauf, was meint ihr?«
»Soll ich mir Brüste umhängen, ehe du mich bespringst, Coll?«, fragte einer seiner Tacksmen zurück.
Manche lachten, andere fluchten. Sandy Og hätte gern gebetet, dass sich kein Funke an der Spannung entzündete, aber zum Beten war ein reines Gewissen nötig und das seine glich dem schwarzen Himmel. Hätte er sich ein Gebet gestattet, so wäre er, ehe er der Männer gedachte, herausgeplatzt: Herr, gib, dass ich weder sterben noch töten und mich vor allem nicht entscheiden muss.
Sie erreichten die Hügel, die flach und in weitem Abstand das Flusstal von Cromdale umstanden. Es war ein nassschwarzer Abend ohne Zauber, und doch war es Beltane, und einen nach dem andern ergriff eine bleischwere Traurigkeit. Sie überquerten den Fluss durch Furten, und an jeder ließ General Buchan Wachposten zurück. »Im Fall eines Reiterangriffs werden die uns nichts nützen«, bemerkte Lochiel. »Soll so ein Mann hinter einem Pferd herrennen, um uns zu warnen, wenn wir längst zertrampelt sind?«
»Und wer sagt, dass wir mit einem Angriff zu rechnen haben?«, gab Buchan zurück.
»Wenn Ihr mit keinem Angriff rechnet – weshalb stellt Ihr dann Wachposten auf?«, fragte Lochiel. »Mein General, ich rate Euch um Euretwillen, Euch zu entscheiden: Habt Ihr die Lage falsch eingeschätzt, ist Euch daraus kein Strick zu drehen, denn genauso hättet Ihr recht haben können. Wenn Ihr aber etwas ahnt und nicht ausreichend vorsorgt, wird Euch niemand vergeben, am wenigsten Ihr selbst.«
Kraft seines Rangs hätte Buchan den Herrn der Lochaber-Clans zurechtweisen können, aber er entschied sich anders und verzichtete. »Ich hoffe, Eure Liebe zur Sache der Stuarts hilft Euch, Euren Kleinmut zu überwinden«, versetzte er und befahl den Leuten, in die Senke vor der Ruine von Lethendry zu
Weitere Kostenlose Bücher