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Glencoe - Historischer Roman

Titel: Glencoe - Historischer Roman Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Charlotte Lyne
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Kinder. Dass er bei seinem Anblick an Sandy Og dachte, widerstrebte ihm, es war das Letzte, was er jetzt brauchen konnte. Er klopfte dem Jungen auf den Hinterkopf. »Betrag dich nicht wie dein Schreihals von Schwester, sondern reiß dich zusammen.«
    »Aber die Mutter …«
    »Deine Mutter ist eine fleißige Frau und wird einfach früher als du Faulpelz aufgestanden sein. Gewiss ist sie schon drüben, holt Milch zum Buttern oder was Frauen eben am Morgen so treiben.«
    »Das glaub ich nicht.« Keine Frage – das Bürschlein war Sandy Ogs Sohn.
    »Jetzt hör aber mal – bin ich der MacIain und dein Großvater, oder bist du’s?«
    »Ihr seid’s. Aber weil doch der Schreihals …«
    »Weil was?«
    »Der Schreihals ist auch verschwunden!«, brach es aus demKind heraus. »Und ihre Decke und ihr Kissen und Mutters altes Tuch, das am Haken hing.«
    Mit dem letzten Wort sprang der Schrecken, der den Jungen schüttelte, auf den MacIain über. »Also schön. Sehen wir nach.« Er packte Duncan am Arm und riss ihn mit sich, während er hinauf zu der windschiefen Hütte stürmte, die sein Sohn gebaut hatte.
    Sobald er die Tür aufstieß, wusste der MacIain, dass Duncan recht hatte. Es ließ sich schwer sagen, woran festzumachen war, dass eine Frau ein Haus verlassen hatte, aber es bestand kein Zweifel: Das bisschen Reiz und Wärme, das Frauen ihrem Haus verliehen, war aus Sandy Ogs Hütte verschwunden, das Knäuel auf dem Webstuhl, der Zierrat auf dem Bord, ein wenig Duft, ein Rascheln. Unwillkürlich zog er seinen Enkel an sich. Sarah war fort. Meine kleine Sarah. Hast du das getan, a graidh , hast du meinen Sohn verlassen, weil ich in unserm Kampf gesiegt habe? Aber das kannst du doch nicht! Meinen Sohn trifft doch keine Schuld!
    Duncan drehte sich in seinem Arm um. »Hat sie mich nicht mitnehmen wollen?« Seine Stimme brach.
    Der MacIain schluckte. »Pass einmal auf«, krächzte er und räusperte sich. »Dich darf sie ja nicht wie ein Mädchen mitnehmen, du bist ein Spross des jungen John in der Heide, der Sohn von Sandy Og, Enkel von MacIain dem Zwölften. Du gehörst nach Glencoe.« Was war los mit ihm? Waren sein Hirn und seine Gurgel schon so steif wie seine Hüften? »Außerdem ist sie sicher nicht auf lange weggegangen, sondern bald wieder da. Na komm, wir wollen die Großmutter Morag fragen, ob die was weiß.«
    Duncan sagte nichts, stapfte aber mit seiner Krücke neben ihm einher.
    Der MacIain sah den Hang hinunter. Erst als er seine Frau und Ceana vor dem Verschlag des Uralten entdeckte, fiel ihm alles wieder ein: der Tod des Kranken, die Dinge, die getanwerden mussten. Verfluchter Teufelskuss, was ist das für ein Tag? Ceana trug einen Wasserzuber, gewiss hatten die beiden den Toten schon gewaschen. »Morag!«, brüllte er. »Ceana!«
    Sie war immer noch schön, seine Frau, hielt sich wie ein Mädchen, das seine Last auf dem Kopf trug. Neben ihr wirkte Ceana, sein Taubenkind, seltsam zerrupft und zusammengesunken. Vermutlich hatte sie den Toten gefunden, und was für ein Anblick der im Tod war, vermochte der MacIain sich vorzustellen. Selbst ihn, einen gestandenen Kerl von über sechzig Wintern, schreckte der Gedanke an das, was in dem Verschlag seiner harrte, so sehr, dass er Abstand hielt. Rasch ergriff er Ceanas Hände. Sie waren kalt. »Es tut mir leid, meine Kleine.« Wer, zum Teufel, hatte erlaubt, dass das Mädchen mit dem Kranken allein blieb?
    »Was ist mit dir, Duncan? Hast du Frühstück bekommen?« Morag warf einen prüfenden Blick auf den Enkel. Den MacIain überrollte ein Schwall Wärme. Prügel und Frühstück – das war von jeher Morags Allheilmittel gegen den Wahn der Welt. An jenem entsetzlichen Morgen hatte sie den armen Sandy Og verdroschen, wie er selbst es nie übers Herz gebracht hätte, hatte ihn mit ihrem Gerstenbrei vollgestopft und ins Bett gesteckt. Ich will ihn nur sicher hinter meiner Tür , hatte sie gesagt: Der MacIain hatte es auf Jahre verdrängt, doch jetzt hörte er es wieder.
    »Die Mutter!«, rief Duncan. Nur die zwei Worte. »Die Mutter!«
    »Was ist mit der?«
    Der MacIain fühlte Ceanas eisige Hände in den seinen zucken.
    »Und die Schwester auch!« Über Duncans Gesicht liefen Tränen.
    »Morag«, sagte der MacIain, »weißt du was von Sarah? Hat sie dir gesagt, wo sie hinwill, mit dem Kind und so früh am Tag?«
    »Wo soll die denn hinwollen? Und was soll ich davon wissen? Ich bin nur gegangen, weil die Gans hier wie am Spieß geschrien hat. Von jetzt an erlaub

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