Glencoe - Historischer Roman
ich nicht mehr, dass sie dieses Menschenwesen pflegt.«
»Sprichst du von ihm?« Ohne hinzusehen, wies er in Richtung des Verschlags. »Dann ist er nicht tot?«
»Du glaubst doch wohl nicht, dass der Tod uns irgendwann erlöst und den holt«, giftete Morag.
So sprach man nicht. Er musste seiner Frau verbieten, so zu sprechen.
Ceanas Hände zitterten. »Es geht ihm besser«, murmelte sie. »Ich hab nur schlecht geträumt. Und die Campbell … Die Campbell ist nicht mehr da?«
»Sie ist keine Campbell!«, fuhr er sie an. »Sie ist eine von uns, die Frau meines Sohnes. Warum sprichst du so von ihr?«
Er war laut geworden. Zudem war es längst heller Tag, seine Leute waren bei der Arbeit und kamen jetzt natürlich aus jeder Richtung angelaufen. Johns Eiblin, die noch immer nicht aussah, als hätte ihr Mann sie wieder geschwängert, und Gormals Sohn Angus, der Duncan von Morag wegzog, ehe die ihn für sein Weinen ohrfeigen konnte. Der MacIain sandte ihm einen stillen Dank; Angus war ein so vernünftiger, wackerer Bursche. Einen weiteren Dank sandte er seiner Tochter Gormal. Die hatte nie etwas Besonderes an sich gehabt, doch sie war ein vernünftiges, wackeres Weibsbild inmitten der Unordnung, die seine übrigen Kinder um ihn angerichtet hatten. Weshalb gerieten Kinder nicht länger, wie er und seinesgleichen geraten waren? Weshalb fielen all diese Äpfel so weit vom Stamm?
»Lass Ceana in Ruhe«, sagte seine Frau. »Die hat damit nichts zu schaffen. Was ist mit der Sarah?«
»Ja, was ist mit Sarah?«, rief Eiblin, und der Ruf pflanzte sich unter denen fort, die hinzueilten.
»Wir können sie nicht finden«, antwortete er lahm.
»Vater MacIain …« Ceanas Stimme klang, als sei sie geschrumpft. »Vielleicht ist es richtig so? Auch wenn Sandy Og sie geheiratet hat, ist sie im Herzen doch noch immer eine Campbell. Sie mag bei sich daheim besser dran sein, gerade jetzt im Krieg. Und es war ja zwischen ihr und Sandy Og auch nicht, wie es sein soll.«
Der MacIain starrte in ihr süßes herzrundes Gesicht. Ceana war das Einzige seiner Kinder, das er nie geschlagen hatte, sie war ein so braves Mädchen gewesen, und die wenigen Male, die sie Strafe verdient hätte, hatte er seine Pranken angesehen und gefürchtet, er könne dem ihm anvertrauten Kleinod Schaden zufügen. Jetzt aber gab er ihr ohne Federlesens einen Backenstreich. »Ich wusste nicht, dass du ein so dummes Ding sein kannst, Ceana. Was weißt du von Mann und Frau? Was weißt du von Sarah und Sandy Og?«
»Alles!«, rief Ceana und reckte trotzig den Hals.
Er schlug sie noch einmal, aber es tat ihm weh und half nichts. »Sag mir, was der Sarah geschehen ist. Was hast du ihr getan, dass sie ihr Heim und ihren Jungen und ihren Mann verlassen hat? Wer geht und singt Sandy Og jetzt das Lied, wenn er nicht wiederkommt?«
»Ich.«
»Ja, du und Mutter Morag und Gormal, so ist’s Brauch.« Etwas nahm ihm die Stimme. »Aber das ist nicht dasselbe. Ich erlaube nicht, dass mein Sohn ohne das Lied von seiner Liebsten sterben muss.«
Ceana öffnete den Mund, um etwas zu sagen. Tränen liefen ihr die Wangen hinunter, und zum ersten Mal wünschte sich der MacIain, ein Mädchen zu sein, das Tränen laufen lassen durfte.
Ehe Ceana ein Wort herausbekam, schob sich Eiblin zu ihm und hängte sich an seinen Arm. »Lasst Ceana in Frieden«, sagte sie. »Was hat sie schon getan? Da haben andere viel Böseres auf dem Gewissen, und nach denen kräht kein Hahn.«
Auf einmal war es so still, dass der MacIain an den Atemzügen hören konnte, dass bald die halbe Siedlung im Ring um sie herumstand. Er befreite sich aus Eiblins Umklammerung. Wie sehr er sich danach sehnte, sie alle stehen zu lassen, höher hinaufzuwandern und einen Bock zu erlegen, wieder ein junger Kerl zu sein, dem noch keine Liebe Lasten auflud! »Warum hältst du nicht den Schnabel und kriegst Kinder, Eiblin? Was soll das närrische Geschwätz? Wer hat Böses auf dem Gewissen, nach dem keine Henne schnattert?«
Als Eiblin den Kopf in den Nacken warf, wollte er ihr die Hand auf den Mund pressen, so sicher war er, dass er das, was sie sagen würde, nicht hören wollte.
»Eure leibliche Tochter«, sagte sie. »Die hohe Hüterin der Tugend. Gormal.«
Dass noch Sommer war, dass das Wetter noch einmal milder wurde, ehe es umschlug, rettete Sarah und ihrer Tochter das Leben. Sie glitt am Berg mehrmals aus, rutschte und stürzte, blieb am Abend mit dem Kind lange liegen, aber sie erfror nicht. Dennoch würde sie
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