Glencoe - Historischer Roman
ankäme, das war ihm das Glücksgefühl wert. »Ich kann nichts tun, als noch einmal meine Reue zu bekunden«, sagte er mit dem Hauch eines Lächelns. »Ich hoffe, unsere Zusammenarbeit leidet daran keinen Schaden. Und da wir dabei sind – sollten wir Euren Erfolg nicht feiern? Ich bin sicher, meinem Gouverneur ist daran gelegen, Euch für die rasche Ergreifung der Rebellen unsern Dank zu erweisen.«
Die Offiziere des Bataillons erhielten eine Einladung an Hills Mittagstafel, die Gemeinen zwei zusätzliche Rationen. Nach dem Essen beaufsichtigte Rob die Aufteilung der Gefangenen auf die Baracken, und als aller Trubel sich gelegt hatte, rief Hill ihn zu sich. Darauf war Rob vorbereitet. »Ihr nehmt mir meinen bedauerlichen Irrtum mit dem Gaul übel, nicht wahr?«
»Mein Captain«, sagte Hill, der nach Alter und Krankheit stank und sich vergeblich bemühte, seinem Tonfall Schärfe zu verleihen, »die Geschichte mit dem Pferd will ich in Gottes Namen vergessen, aber um keinen Preis kann ich dulden, dass diesen Männern Gewalt widerfährt.«
»Soll ich sie in Daunen betten und mit Samthandschuhen streicheln? Ein paar Maulschellen werden sie sich schon gefallen lassen müssen – unsere Wachen sind mit Fug und Recht wütend, die lassen sich nicht gern den Proviant stehlen, für den sie sich die Buckel krumm geschuftet haben.«
»Von Maulschellen rede ich nicht, und das wisst Ihr. Ich sitze zwischen allen Stühlen – vor dem Staatsrat wie vor den Clans bin ich für die Männer verantwortlich, und wenn Ihr ihnen Schaden zufügt, ohne dass Strafen über sie verhängt wurden, habe ich dafür geradezustehen. Darüber hinaus widerstrebt es mir, das sage ich Euch offen. Die Verhafteten sind Kriegsgefangene, sie haben ein Recht auf würdige Behandlung. Habt Ihr den jungen Stewart gesehen? Der ist wahrhaftig noch ein Knabe, ein Gesicht wie Milch und Blut, und ich könnte mir nicht verzeihen, wenn ihm ein Leid geschähe, weil ich Euch vertraute.«
»Aber, aber.« Rob fühlte sich wohl in seiner Haut wie seit Jahren nicht mehr. »Wie könnt Ihr so von mir denken? Bin ich nicht Euer Kamerad? Haben wir nicht harte Zeiten gemeinsam überstanden? Mich rührt der junge Stewart nicht weniger als Euch, von mir bekommt er nicht mehr als einen mahnenden Klaps aufs Gelenk, der ihn wieder zu Verstand bringt. Seht nicht nur den Captain in mir, mein Gouverneur, seht den Vater. Ich habe selbst Söhne.«
»Ich nicht«, beklagte Hill sich bitter. »Nicht einmal Enkel, nur zwei ledige Töchter, die mir auf der Tasche liegen.«
»Eure Männer blicken zu Euch wie zu einem Vater auf«, schmeichelte ihm Rob.
Hill kniff ein Auge zusammen. »Ich kann mich also auf Euch verlassen? Unser junger Tunichtgut ist bei Euch in guter Hut?«
»In der besten, mein Gouverneur.« Rob klopfte dem zittrigen Alten aufs Schulterblatt. »Robert Stewart von Appin ist bei mir behütet wie in Abrahams Schoß. Es liegt mir fern, ihm ein Haar zu krümmen, und wer es tut, soll mich kennenlernen.«
Gormal und Ben standen vor der Tür der Hütte. Gormal, so hatte Ceana zuweilen gedacht, war eine unschöne Frau: klobig gebaut, das Haar zu früh verblichen und zu streng gerafft, der Gang wie der eines Mannes und die Augen müde. Jetzt aber war sie nicht unschön, sie war alles andere als das. Ben, der Entstellte, Sprachlose, hatte Ceana früher sogar Grauen eingeflößt, doch den Grund dafür wusste sie nicht mehr. Eine schartige Narbe zerschnitt ihm Stirn und Wange, ein Lid hing schlaff herab, und ein Mundwinkel ließ sich nicht heben. Er zerdrückte seine Kappe in seinen kräftigen Händen, hielt den Kopf gesenkt und den Rücken gekrümmt. Es war nichts Grauenerregendes an ihm, nur Traurigkeit.
»Womit«, schrie der MacIain, der vor ihm stand und sein Volk hinter sich versammelt hatte, »womit habe ich das um dich verdient?«
»Mit nichts«, murmelte Ben. Durch die Versammelten zog verwundertes Raunen. So kam es zuweilen: Weil einer, zu dem niemand sprach, nie Antwort gab, glaubten alle, er sei stumm.
»Du bist eine Natter«, sagte der MacIain. »Dich nimmt niemand in sein Tal, um dich zu füttern, aber ich habe dich in mein Tal genommen. Deinen Vater, der ein übler Bursche war wie alle Caterans, und mit ihm dich. Ich habe euch gefüttert und gekleidet und einem jeden erklärt: ›Das sind mein Cateran und sein Sohn. Die schützt der Name des MacIain.‹«
Ceana fuhr zusammen. Seit Sandy Og fort war, erschrak sie bei dem kleinsten Geräusch. Ein Schniefen. Von
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