Glencoe - Historischer Roman
ließe.«
Hernach sprachen die Männer über eine Garnison, die offenbar irgendwo errichtet werden musste, und Argyll neigte sich hintenüber, als sei ihm übel. »Ich nehme es auf mich«, stöhnte er, »aber jeder Tag, den ich unter dem tierischen Pack verbringe, bereitet mir Qual. Wenn Majestät mich fragen, bedarf es eines abgestumpften Geistes als Gouverneur, weshalb meine Wahl auf den alten John Hill fiele, der den Morast schon einmal jahrelang ertragen hat.«
Mary hatte sich bereits gefragt, wozu das Männchen überhaupt mitgekommen war, da es sich erdreistete, während der Mahlzeit Schreibarbeiten auszuführen, und statt zum Gespräch beizutragen, lediglich Löschsand auf sein Geschriebenes streute. Jetzt allerdings ergänzte es Argylls Erklärung: »John Hill bittet sogar ausdrücklich um seine Rückversetzung nach Lochaber.«
Der Name – Lochaber – erfüllte Mary mit Grauen. Er klang wie das Ende der Welt, fand sie. Sicher würde allein der Klang dieses Namens ihr Albdruck bereiten. Was immer diese Herren, darunter ihr eigener Gemahl, auch unternahmen, nie würden sie sie dazu bewegen, auch nur einen Fuß in diesen Ort zu setzen, wo Argyll zufolge Dämpfe aus Felswänden stiegen und zottelhaarige Kerle Fleisch von lebenden Tieren schnitten und es mit den Händen verspeisten.
Zu ihrer Verwunderung unternahmen die Herren jedoch überhaupt nichts. Sie sprachen über die Garnison, als sei Mary nicht da, und nur Argyll entschuldigte sich bei ihr für den unerquicklichen Gegenstand. Als nach der Torte in Rosenwasser getränkte Tücher gereicht wurden, mit denen sie sich die Finger betupften, behielt Argyll das seine und rieb sich ohne Unterlass die Hände. »Ich bitte Majestät, mir zu vergeben, dass ich mit meinen Plänen hinterm Berg halte«, sagte er. »Ich gelobe, ich werde sprechen, sobald sie weiter gediehen sind. Für diesmal hoffe ich lediglich, den Kern meiner Absicht erläutert zu haben.«
William nickte. »Euch ist daran gelegen, Unseren rebellischen Untertanen im Hochland eine bleibende Lektion zu erteilen.«
Mit sachtem Seufzen schüttelte Argyll das Haupt. »Nein, mein König. Eine große Zeit erfordert den Mut, in großen Schritten zu denken, und mir ist an mehr gelegen. Nicht daran, ein Übel mittels einer Salbe zu besänftigen, sondern es mit Stumpf und Stiel auszureißen, so tief es seine Wurzeln auch schlug. Wir sprechen von keiner harmlosen Abschürfung, sondern von einem stinkenden Geschwür, das sich ins Fleisch unseres Volkes frisst. Nicht von verirrten Seelen, sondern von Untermenschen, an denen jede Bekehrung fehlschlagen muss.«
Schweigen. Mit einem silbernen Löffel kratzte Bentinck über den silbernen Teller, von dem er sein Marzipan gegessen hatte. Das Geräusch tat Mary in den Zähnen weh. Sie wunderte sich noch immer, dass man sie zu diesem Essen beordert hatte. Noch mehr wunderte sie sich, als sie entdeckte, dass der Mickrige von seinem Schreibzeug aufblickte. Kurz wandte er das Gesicht zu Argyll, der sich die Hände im Tuch rieb, die beiden nickten einander zu und sahen dann Mary an.
4
Cromdale
Glencoe in Lochaber, März 1690
Der Winter schloss Glencoe ein. Die schützenden Berge wurden zu Todesfallen. Ein Mensch musste ganz zu Hause sein – in Glencoe wie in sich selbst –, um solch einen Winter zu ertragen. Der Winter war hart und schneereich, an vielen Tagen konnte niemand sein Haus verlassen. Für Ceana war es der Winter, in dem der Schmerz die Oberhand errang. Sie wollte hinauslaufen, fliehen, überall sein, nur nicht in Glencoe. Nur nicht in sich selbst.
In anderen Jahren hatte ihr der Tanz geholfen. Carnoch war das größte Haus im Tal, es bot Raum genug zum Tanzen, und der MacIain verschaffte ihr Musik, sooft sie wollte. »Was ist dir nur, mein Kälbchen?«, fragte er. »Hättest wohl gern ein wenig Tanz heut Abend? Mehr als die Burschen hier im Haus kann ich dir winters ja nicht bieten, aber wenigstens bekommen deine hübschen Füßchen Schwung.«
Mein Kälbchen, so hatte er sie immer genannt. Das Kälbchen von Ros war tot, und sie hatte es umgebracht. Das arme Ding würde nie tanzen, seine Füßchen moderten unter dem Schnee. Es kam oft vor, dass Kinder starben, aber für Ceana wurden alle gestorbenen Kinder zu Ros’ Kind, das vor Hunger gebrüllt und dem sie das Fleisch vorenthalten hatte. Was war nur in sie gefahren? Sie wusste, dass die anderen tuschelten: Verliert Ceana den Verstand, wie’s bei alten Jungfern nicht selten ist?
Sie hatte dem
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