Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen

Glencoe - Historischer Roman

Titel: Glencoe - Historischer Roman Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Charlotte Lyne
Vom Netzwerk:
Keuchen, nichts war möglich. Ihre Glieder begannen zu zappeln, aber auch Zappeln war unmöglich, die Glieder wurden zerdrückt wie die Lungen.
    »Ceana, Ceana!«
    Die Stimme, um die sich ihr ganzes Dasein gedreht hatte, gellte durch das schreckliche Weiß um sie. Nicht nur ihr Mund, ihr ganzer Leib schnappte nach Luft und fand keine. Schnappen, schnappen! Nicht aufgeben! Kämpfen! Aber Druck und Enge waren nicht auszuhalten, kein Stemmen, kein Auflehnen, kein Verweigern half. Mit einem Ruck wurde sie über die Grenze gestoßen und war erlöst.
    »Ceana! Ceana!«
    Hände packten sie, zerrten sie über die Grenze zurück, das Weiß riss auf, und Schmerz zerfleischte ihr die Schulter. In ihre Lungen strömte Luft, die sie gierig einsaugte, die ihren Brustkorb pfeifen ließ und sie von Neuem zu ersticken drohte. Sie musste husten, spürte, wie ihr Kopf auf und ab schwang, entdeckte, dass er Platz dazu hatte, dass er frei war.
    »Ceana, Ceana.«
    Dann wurde alles um sie leicht und still.
    Als Ceana zu sich kam, hatte Sandy Og sie in die Spalte unter einen Felsvorsprung getragen. Es hatte wieder zu schneien begonnen; ein Sturm war aufgezogen; sie hörte den Wind vor der Öffnung zischen. Es ging ihr gut. Sie lagerte an die Felswand gelehnt, in viel Wolle gewickelt, ihr Kopf an Sandy Ogs Schulter. Zu seinen Füßen lag die Axt, mit der er sie aus der Lawine herausgehauen hatte. Ihr Atem schmerzte, aber der Schmerz ließ sich aushalten, er war ein harmloses Zwicken gegen den, den sie kannte. Sie fror ein wenig. Aber auch das ließ sich aushalten.
    Sie rieb den Kopf an Sandy Ogs Arm, um ihm zu zeigen, dass sie wach war. Er drehte ihr das Gesicht zu und lächelte. Auch wenn Düsternis herrschte und Ceanas Augen sich nur flüchtig öffnen ließen, sah sie klarer und schärfer denn je, wie schön Sandy Og war. Sie hob den Arm, den sie bewegen konnte, und berührte seine Wange. Ließ die Finger liegen, bis der Arm erschlaffte.
    Sie wollte sprechen. Es war nicht leicht, sie musste sich Wort um Wort aus dem Hals pressen, aber es gelang. »Wie hast du mich gefunden?«
    »Calum«, erwiderte er. »Er hat dich gesehen und mich geweckt.«
    »Er sieht mich immer.«
    Sandy Ogs Lächeln war eine Lawine, einen kleinen Tod wert. »Dem Himmel sei Dank.« Er zog sie dichter auf sich, hielt sie so fest, dass sie die Wölbungen seines Körpers spürte, wo ihr eigener Körper das Gefühl allmählich wiedererlangte. »Wir müssen uns so gut wie möglich warm halten. Es wird eine Weile dauern, ehe das Wetter erlaubt, dich hinunterzutragen, und die Kälte ist gefährlich.«
    An Ceana prallte die Kälte ab. Ihr war so wohlig, dass sie hätte einschlafen können, Sandy Ogs Brust unter ihrer, sein Herz an ihrem pulsierend. Aber als Mädchen aus dem Hochland wusste sie, dass diese Wärme die tückischste Täuschung der Kälte war. »Ich kann allein gehen, Sandy Og.«
    Sandy Ogs Brauen kräuselten sich. »Ich glaub nicht. Du hast dir mindestens die Schulter gebrochen, und mein Vater sagt, es sind schon Leute aus Lawinen freigehackt worden und trotzdem gestorben, weil sie sich zu viel bewegt haben. Das erfrorene Blut darf nicht kreisen, sonst erfriert der ganze Mensch.«
    Weißt du, warum ich dich liebe, Sandy Og? Weil du mit deinem Vater zankst wie ein Rotzbengel, dir aber trotzdem merkst, wenn er etwas Kluges sagt. Ceana hatte sich nie so sicher gefühlt, so beschützt, so daheim. Sie war ja gar nicht allein. Sie hatte einen, der alles verstand. »Sandy Og?«
    »Ja, a graidh .«
    »Ich hab’s wegen des Kindes getan. Sterben wollen, mein ich. Ros’ Kind ist gestorben, weil ich das Lamm nicht zum Schlachten gebracht hab, da hab ich gedacht, ich halt das Leben nicht mehr aus. Aber als die Lawine kam …«
    Er tippte ihr mit dem Finger auf die Lippen. »Du darfst nicht so viel sprechen. Es strengt dich an.«
    Er hatte recht. Ceana verengten sich bei jedem Wort Brust und Hals, aber die Worte mussten trotzdem heraus. Sie küsste ihm die Fingerspitze. »Als die Lawine kam, hab ich gemerkt, dass ich nicht sterben will.«
    Er nickte. »Das ist verwunderlich, oder? Das Leben nicht auszuhalten, sich selbst nicht auszuhalten ist nicht dasselbe, wie sterben zu wollen.«
    Ihre Blicke trafen sich. »Weißt du auch davon?«
    Er zuckte mit den Schultern wie als Junge. »Ich mehr als du, fürchte ich. Du hast niemanden getötet. Dass einem ein Kind stirbt, ist unerträglich, dass die arme Ros eine Schuldige sucht, überrascht mich nicht. Was soll sie sonst tun? Sich

Weitere Kostenlose Bücher