Glencoe - Historischer Roman
fügen? Das darf man gewiss von keiner Mutter verlangen, aber deshalb hat sie ja noch lange nicht recht. Du musst jetzt das Leben wieder aushalten, versprichst du’s? Sieh, wir sind schließlich auch ein bisschen schuld – wir hätten unsum dich kümmern müssen, statt nur mit Waffen zu klappern, dann wärst du gar nicht erst auf diesen Unsinn mit dem Lamm verfallen.«
Verwundert bemerkte Ceana, dass sich in ihr etwas bewegte. Ich halt das Leben aus, Sandy Og. Mit dir halt ich es aus. Sie sah zu ihm auf, sandte ihm ein Lächeln und ein Nicken.
Er streichelte sie. »Gut so.«
Eine Zeit lang lauschten beide dem Schnee, Sandy Og, indem er eine Hand hinter sein Muschelohr legte und es nach vorn bog, worüber Ceana unter Schmerzen lachen musste. Ihre Blicke waren Verschwörer, die sich in die Arme schlossen. »Von alledem sagen wir denen im Tal nichts, abgemacht?«
Heftig schüttelte Ceana den Kopf. »Wir erzählen einfach, ich war schon wieder so dumm wie mit dem Lamm, und wenn ich Prügel bekomme, hab ich sie redlich verdient.«
»Das erlaub ich nicht. Lieber nehme ich sie.«
Lachend ließ sie den Kopf an seine Brust fallen. Dass du mich schützen wolltest, meine Prügel für mich einstecken, seit wir Kinder waren, weißt du, wie viel mir das wert war? Ich durfte mir am Fluss nicht die Füße waschen, weil du Angst hattest, ich könnte ertrinken.
»Ceana«, murmelte er auf ihren Scheitel, »du brauchst mir nichts zu sagen, aber …«
»Sprich. Ich sag’s dir.«
»Warum hast du das Lamm nicht Ben zum Schlachten gebracht?«
»Ich weiß nicht. Weil ich albern war. Es war so winzig, so allein – ich glaube, es hat mich an mich selbst erinnert.«
»Es war aber doch ein Hammel.«
Sie sahen sich an und prusteten los. Als sich kurz darauf der Sturm legte, wickelte Sandy Og Ceana fester in sein Wollzeug, hob sie auf die Arme und machte sich an den mühevollen Abstieg. Sie mussten oft anhalten und steile Kanten umgehen, andenen er seine Hände gebraucht hätte. Es schneite noch immer, und Ceanas Schulter schmerzte, aber so wie sie an seiner Brust lag, während er den Pfad entlangstolperte, erschien es ihr, als tanzten sie ins Tal. Alles ist gut. Der Schmerz ist vorbei, auch wenn ich warten muss. Dass du mich liebst, macht das Warten leicht, und zwei wie wir dürfen ja nicht getrennt sein, zwei, die an der Wurzel verwoben sind. Irgendein Weg würde sich finden. Dass Frauen, die ihren Männern keine Kinder gebaren, ihren Familien zurückgegeben wurden, kam zuweilen vor, und der arme Krüppel zählte nicht als Kind. Fragte man die Frauen in Glencoe, so war Sandy Og nicht einmal sein Vater.
Ceana hielt die Augen geschlossen. »Sandy Og?«
Er schnaufte. »Ja?«
»Sind im Coire Gabhail wirklich Colins Rinder versteckt?«
»Höchstens wenn Colins Rinder Flügel haben. Soweit ich weiß, steht dort nichts als ein verfallenes Pächterhaus.«
»Und wo hat der Pächter seine Rinder geweidet?«
»Was fragst du mich? Unten am Fluss, wo die Nachtkerzen wachsen.« Er blieb stehen. Vielleicht weil ihm der Atem ausging, vielleicht aus anderen Gründen.
»Tatsächlich?«, fragte Ceana.
»Herrgott, a graidh , ich weiß es doch nicht. Ich weiß nicht mal, ob dort ein Pächter gelebt hat und auch nicht, warum ich das gesagt habe.« Schwerfällig setzte er sich wieder in Gang. »Lass uns jetzt still sein, ja? Du kennst mich, ich bin nicht sonderlich stark, mir bleibt beim Stapfen und Schwatzen die Puste weg.«
Mir bist du stark genug. Sie schwiegen beide, bis sie die Talsohle erreichten, gerade rechtzeitig, denn es dunkelte schon und der Wind gewann wieder an Gewalt. Als sie die Männer erblickten, die mit Fackeln nach ihnen suchten, sagte Sandy Og leise: »Danke.«
»Weshalb dankst du mir? Du hast mich gerettet, nicht ich dich.«
»Dafür, dass ich es tun durfte«, erwiderte er, »Ich glaub, ich hatte das nötig.«
Sie küsste ihm den schweißnassen Hals.
Lochiel hatte einen Boten geschickt, sobald die wilden Wasser, die durch die Schmelze aus den Felsspalten stürzten, sich beruhigt hatten. Es war schon April, und der MacIain hatte auf diesen Boten gewartet wie eine Jungfer auf den Bräutigam. Zu seinem Verdruss war jedoch keiner von Lochiels Verwandten gekommen, sondern nur ein Cateran, der für den Dienst bezahlt wurde. Noch schlimmer war, dass er nicht einmal eine Stimme aufbot, sondern die Botschaft als Brief bei sich trug. Der MacIain hasste Briefe, was nicht, wie seine Feinde spotteten, an mangelnder Bildung
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