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Glencoe - Historischer Roman

Titel: Glencoe - Historischer Roman Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Charlotte Lyne
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lag, sondern daran, dass er sich fragte, was ein Wort galt, das niemand aussprach. Am liebsten hätte er das Machwerk vor den Augen des Boten an die Wand geworfen, aber Papier flog nicht weit, und dem bezahlten Kerl war es ohnehin gleichgültig.
    Warum war Lochiel nicht selbst gekommen? Hatten sie einander nicht jahraus, jahrein besucht, sobald die Faust des Winters aufbrach? Der MacIain hatte Sorgen. Er brauchte einen Mann für Ceana, er brauchte einen Mann für Gormal, er musste John zur Vernunft bringen, und vor allem brauchte er jemanden, mit dem er über den ganzen Unfug reden konnte. Als er widerstrebend den Brief gelesen hatte, brauchte er den mehr denn je.
    Der Eid, den sie geschworen hatten, trete nunmehr in Kraft, stand dort. König Jamie rufe sie von Neuem zu den Waffen. Mit französischer Hilfe hoffe er, demnächst in Irland die Entscheidungsschlacht zu schlagen, und von seinen Untertanen in Schottland erwarte er, dass sie MacKays Williamiten eine Niederlage beibrächten, die Killiecrankie in den Schatten stelle.Nie sei die Lage so günstig gewesen. So Gott wolle, müsse die Krone in diesem Jahr zurückgewonnen werden.
    An dieser Stelle hatte der MacIain den Brief sinken lassen und wiederum an seinen Clan, seine Kinder, seine Sorgen gedacht. Dass Marsch und Kampf bevorstanden, war ja nichts Schlechtes, er hatte immer gepredigt, dass junge Leute mehr Bewegung brauchten als beim Shinty-Spielen. Für John mochte es nachgerade die Erlösung sein. Die Schlachten des letzten Jahres hatten jedoch Männer gekostet, die dem MacIain für seine Töchter fehlten. Zu wissen, dass es in Glencoe noch mehr Witwen geben würde, tat weh, auch wenn der Kampf unumgänglich war.
    Er las weiter und mochte seinen Augen nicht trauen. Hätte er durch Schreien Lochiel herbeordern können, damit der ihm Rede und Antwort stand, so hätte er bis nach Achnacarry geschrien.
    »So also steht es«, hatte der Freund geschrieben. »Es heißt, der Willie begleite sein Heer nach Irland, und es heißt auch, Ludwig von Frankreich habe sechstausend Mann entsendet, die in Gänze zu König Jamie verschifft werden. Wir in Schottland gehen leer aus, so eindringlich wir um Unterstützung gebeten haben. Unser Kommando übernimmt Generalmajor Thomas Buchan, ein Mann mit löblichem Eifer, aber wenig Erfahrung, der derzeit Waffen und Proviant ins Hochland schaffen lässt. Er hat das Flusstal bei Cromdale zum Treffpunkt bestimmt.
    Unter uns und als Dein Freund rate ich Dir: Bleib daheim. Wir werden nicht mehr als tausendfünfhundert Männer aufbringen können, und was das bedeutet, magst Du selbst Dir ausrechnen. Die Verluste, die Du hinnehmen musstest, sind herb für einen kleinen Clan, von dir kann niemand mehr verlangen. Leck deine Wunden, achte auf deine trefflichen Söhne. Zum Schluss würde ich dir gern sagen: Stiehl keine Rinder aus Glenlyon, aber den Rat hast du ja bereits in den Wind geschlagen. Du kannst ein solcher Idiot sein, Alasdair.»  
    Des MacIain Fäuste schlossen sich um den Brief. Aber duhast immer gewusst, was ich sein kann, dachte er, ich habe dich über den, der ich bin, nie getäuscht. Du dagegen bist ein Fremder geworden. Verfluchter Teufelskuss! Ich mag ein Idiot sein können, aber nicht der Verräter, den du aus mir machen willst.
    Er schickte den Boten ohne Wegzehrung weg. Im Grunde hatte er nichts gegen Caterans, es waren so treue Seelen wie sein Knecht Ben darunter, doch jetzt hatte er andere Sorgen: Er hatte im Namen seines Clans einen Eid geschworen, und kein MacIain hätte einen Eid gebrochen, nicht der erste und der zwölfte erst recht nicht. Wenn der König rief, würde eine Abordnung aus Glencoe ihm folgen, aber über das Schicksal, das dieser Abordnung beschieden war, bestand kein Zweifel. Für die Stuarts kämpfen ist das eine. Für die Stuarts sterben darf nichts anderes sein. Es war nie etwas anderes gewesen, und die Angst vor dem Tod, die ihn vor Dunkeld erfasst hatte, suchte ihn jetzt nicht heim. Er begriff, dass Sterben in dieser Lage die leichtere Wahl wäre. Jäh sah er Big Henderson vor sich und den Satz kleiner Pfeifen im Feuer. Ihm wurde kalt. Es gab schlimmere Tode als den eigenen.
    Er hatte geschworen, für die Stuarts das Härteste auszuhalten, aber wie sollte ein Mann es aushalten, dass er seinen Erben verlor? Auf dem Cairn, dem von Finn errichteten Steinhügel, hatten ihn die Ältesten als zwanzigjährigen Milchbart zum Chief des Clans ernannt. Eines Tages würden sie dort John ernennen und nach

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