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Glencoe - Historischer Roman

Titel: Glencoe - Historischer Roman Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Charlotte Lyne
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diesem Johns Sohn, einen weiteren John, der neun Jahre alt war und schon Schultern wie ein Mann bekam. Nur so ließ sich der Tod ertragen, indem man wusste: Aus einem Teil von mir wird wieder ein Ganzes und davon wieder ein Teil.
    Er dachte zurück an den Tag, an dem Morag ihm das Knäblein geboren hatte, an die Überwältigung, den Stolz, ein Mann zu sein und die eigene Welt auf den Armen zu tragen. Im gleichen Atemzug beschloss er, sich diesen Schmerz zu ersparen, der mehr war, als selbst ein König von ihm verlangen durfte. Zum Ausgleich würde er dem anderen Schmerz ins Auge sehen, das andere Opfer bringen, auch wenn es ihm das Herz umdrehte.
    Sein Entschluss mochte ihn Johns Liebe und John den letzten Rest Verstand kosten, doch Johns Leben war teurer als beides.
    Der MacIain nahm seinen Mantel vom Haken, tat ihn sich um und verließ sein Haus. Die Luft war rein und frisch, er ging den Fluss hinunter, in Richtung der kahl gegrasten Wiesen, wo sich die Jungen zum Shinty-Spiel trafen. Dort hoffte er, seine Söhne zu finden. Als er den Knick, in dem der Fluss sich bog, hinter sich hatte, erkannte er, dass niemand mehr Shinty spielte.
    Die Spieler stürmten ihm entgegen. Sie schwangen die Stöcke, die zum Treiben des Balls benutzt wurden, prächtige Burschen, die nach dem Winter vor überschüssigen Kräften strotzten. Es sind nicht halb so viele wie im letzten Frühjahr, durchzuckte es ihn, und es sind Kinder dabei, Gormals Angus und sein Anhängsel, der kleine Krüppel . Dieser Angus war ein feiner Kerl, dass er sich mit solcher Langmut um den Krüppel kümmerte. Der Krüppel hingegen war ein echtes Wunder. Er hätte längst tot sein sollen – solche Würmchen überlebten nie lange –, und wenn er schon lebte, hätte er zumindest nicht laufen dürfen, nicht keuchend auf der Krücke mit den anderen Schritt halten.
    »Großvater MacIain!«, brüllte er zwischen schweren Atemzügen. »Großvater MacIain!«
    Als sie ihn erreicht hatten, ging ihm die Puste aus, und er musste das Reden Achnacones Sohn überlassen. »Gott sei Dank, dass Ihr kommt, MacIain. John schlägt Sandy Og tot.«
    Der Krüppel sperrte den Mund auf, um etwas zu sagen, keuchte aber so heftig, dass er nichts herausbrachte.
    Der MacIain wartete nicht ab, sondern rannte los.
    Auf der vom Tauwasser sumpfigen Weide sah er seine Söhne. John und Sandy Og, am Boden verkeilt wie zwei Kater. John, in der Oberhand, hielt Sandy Og bei den Schulternund schlug ihm den Kopf auf den Boden. Dennoch hatte der MacIain nicht den Eindruck, dass der junge Achnacone recht hatte. Eher schien es, als dulde Sandy Og, was er dulden wollte. Seine Halssehnen traten heraus wie Schiffstaue, die Armmuskeln schwollen unter dem Hemd, die Füße stemmten sich gegen den Boden und die Waden zitterten vor Spannung. Dieser Kerl, der sich scheinbar hilflos durchprügeln ließ, konnte jederzeit herumschnellen und das Blatt wenden. Schon mancher hatte sich in Sandy Og getäuscht, allen voran der MacIain selbst.
    Zorn schüttelte ihn. Er brach von einer kahlen Birke einen Zweig, hob ihn in beiden Händen und hieb zu, wie er seine Söhne verdroschen hatte, wenn ihnen als halbgaren Bengeln das Fell juckte, dreimal, viermal, damit jeder sein Teil bekam. »Auseinander, ihr Hornochsen!«, brüllte er, warf kurzerhand den Zweig weg und griff die zwei, die sich aufrappelten, an den Krägen. Seit sie Männer waren, kam er ihren bebenden, atmenden Leibern selten so nah. Sie waren ihm wie aus den Rippen geschnitten, so sehr sein Eigen wie seine Augen. Geradezu zärtlich schlug er John auf den Hinterkopf, dann mahnender, fester Sandy Og. Schließlich packte er beide beim Haar. »Verfluchter Teufelskuss, soll ich euch mit den Holzköpfen zusammenhauen, dass eure Blödheit splittert?«
    Sandy Og senkte die Lider. Seine Lippen bluteten. Johns Kragen war zerrissen, aber seine Augen blitzten. Beider Kleider starrten vor Schlamm.
    »Habt ihr nichts Besseres zu tun?«
    »Er hat angefangen«, grollte John, als wäre er gerade acht Jahre alt.
    »Ist das wahr?«
    Sandy Og antwortete nicht.
    Der MacIain haute ihm einen Backenstreich und spuckte aus. »Männer von der Größe eines Bonnie Dundee haben dich für einen klugen Kerl gehalten. Wie gut, dass er tot ist! Wie gut,dass er nicht sehen muss, wie du Narr dich am Boden wälzt und raufst. Was hat dein Bruder getan, dass du ihn anfällst, he?«
    Sandy Og antwortete nicht. Zuckte mit den Schultern. Haar fiel ihm übers Gesicht. Schon als Kind hatte er so

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