Gottesstreiter
er begriffen hatte, was vorging,
hielten ihn auch schon zwei Zisterzienser mit starken Händen fest.
|375| Der dritte Zisterzienser, nicht groß, aber gedrungen und kräftig, versetzte Liebenthal einen Stoß mit der Schulter, platzierte
dann einen kurzen, aber präzisen linken Haken und setzte mit einem rechten nach. Liebenthal konterte, der Mönch wich so unmerklich,
aber wirksam aus, dass die Faust nicht einmal seine Tonsur streifte, und versetzte Liebenthal seinerseits einen Schlag von
unten, und darauf folgte noch eine hübsche Gerade. Genau auf die Nase. Liebenthal lief das Blut übers Gesicht, und er verschwand
unter den sich auf ihn werfenden Knechten. Die anderen hatten inzwischen Strotschil und Priedlanz entwaffnet.
»Ihr seid verhaftet!«, wiederholte jetzt einer der Traurigen, von denen sich keiner am Kampf beteiligt hatte. »Ihr seid verhaftet
im Namen des Heiligen Officiums! Wegen Lästerung, Heiligenschändung und Verletzung religiöser Gefühle.«
»Euch hat doch der Hund gefickt!«, schrie der zu Boden gedrückte Priedlanz.
»Das wird ins Protokoll aufgenommen!«
»Verfickte Hurensöhne!«
»Auch das wird aufgenommen!«
Man muss wohl nicht hinzufügen, dass sich Reynevan längst nicht mehr in der Schankstube befand. Sobald der Tumult begonnen
hatte, hatte er sich aus dem Staub gemacht.
Der Stallbursche hatte seine Bitte erfüllt und ein Pferd nicht abgezäumt. Bis zum Sonnenuntergang war gerade noch so viel
Zeit, dass das Stadttor noch offen, aber so wenig Zeit, dass auf der Straße keine Menschenseele mehr zu sehen war, nicht ein
Einziger, der den Verfolgern einen Hinweis hätte geben können. Reynevan zweifelte jedoch nicht daran, dass ihm die Verfolger
nachsetzen würden, unverzüglich, sobald sich alles aufgeklärt hatte. Er wusste, verfolgen würden ihn dann nicht nur seine
frühere Begleitmannschaft, sondern auch die Traurigen, in denen er ganz eindeutig Diener der Inquisition erkannt hatte. Er
musste also den Abstand so schnell wie möglich vergrößern, |376| sich bis zum Einbruch der Dämmerung möglichst weit entfernt haben, um seine Verfolger daran zu hindern, ihn zu jagen. Wenn
die Dämmerung einsetzte, musste er schon weit weg sein. Um jeden Preis. Selbst wenn er dafür das Pferd zuschanden reiten musste.
Das Glück schien ihm weiterhin gewogen zu sein, sein Pferd zeigte trotz des scharfen Galopps noch keine Anzeichen von Ermüdung.
Es begann erst dann, kräftig zu schwitzen und mit den Flanken zu zittern, als sie in den Wald gelangten. Hier musste Reynevan
ohnehin langsamer reiten. Im Wald war es schon fast finster.
Das Glück verließ ihn, sobald es vollkommen dunkel war. Als er über eine kleine Brücke ritt, die ein Bächlein überspannte,
erwiderte ein Echo das Stampfen der Hufe. Es legte sich über das Getrappel von anderen Hufen. Der schwarze und in der Dunkelheit
unsichtbare Reiter tauchte wie ein Nachtfalter, wie ein Geist aus dem Dämmer auf. Bevor Reynevan wusste, wie ihm geschah,
wurde er auch schon aus dem Sattel gezogen. Er wehrte sich, aber der schwarze Reiter hatte fast übermenschliche Kräfte. Er
hob ihn hoch und warf ihn auf den steinigen Grund.
Da war ein Blitz, ein Schmerz und lähmende Kraftlosigkeit. Dann schien der harte Boden unter ihm zu schwinden, und flaumige
Stille sog ihn auf. In die bodenlose Öffnung eines weichen Nichts.
In halb liegender Stellung kam er wieder zu Bewusstsein. Er war gefesselt. Die Hände lagen gebunden in seinem Schoß, die Füße
waren an den Knöcheln zusammengebunden. Im Verlauf der letzten zehn Tage hat mich jetzt zum fünften Mal jemand erwischt, dachte
er, zum fünften Mal bin ich ein Gefangener. Wahrscheinlich habe ich einen Rekord aufgestellt.
Dies war sein erster Gedanke. Der ihm noch vor einem anderen gekommen war, welcher in seiner Situation sehr viel sinnvoller
war, nämlich dem, wer ihn denn wohl diesmal gefangen genommen hatte.
|377| Er lehnte wahrscheinlich an einer Mauer, denn etwas drückte hart gegen seinen Rücken und verströmte den Geruch von altem Mörtel.
Mauerreste erkannte er auch neben sich, denn sie schützten ein Feuerchen vor dem Wind. Ein heftiger Wind wehte, er heulte
und kam in Stößen. Die Tannen rauschten und ächzten. Reynevan schien es, als befände er sich irgendwo oben, auf dem Gipfel
eines Berges oder einer Anhöhe.
»Bist du wach?«
Der Mensch, der ihn gefangen genommen und gebunden hatte, ein kräftiger Kerl, trug einen
Weitere Kostenlose Bücher