Grant County 05 - Gottlos
musste darüber nachdenken, was sie auf dem Röntgenbild des toten Mädchens gesehen hatte. Der Embryo war etwa so groß wie eine Faust – genau so groß wie der, den man bei ihr entfernt hatte.
Während sie die Straße entlangging, musste Lena an die andere Frau in der Klinik denken, an die verstohlenen Blicke, mit denen sie einander betrachtet hatten, ihre hängenden Schultern, voller Schuldbewusstsein, als wollte sie im Boden versinken. Sie fragte sich, wie weit die andere Frau wohl gewesen sein mochte und warum sie es hatte wegmachen lassen. Lena hatte von Frauen gehört, die die Abtreibung als eine Art Verhütungsmittel ansahen, aber sie konnte sich nicht vorstellen, dass irgendjemand die Qualen wiederholt freiwillig auf sich nahm. Selbst nach einer Woche konnte sie die Augen nicht schließen, ohne das verzerrte Bild des Embryos vor sich zu sehen. Vermutlich waren die Bilder in ihrem Kopf schlimmer als die Wirklichkeit.
Lena war froh, dass sie nicht bei der Obduktion dabei sein musste. Sie wollte keine allzu konkrete Vorstellung davon bekommen, wie ihr eigenes Baby ausgesehen hatte. Alles, was sie wollte, war, ihr Leben wieder in die Hand zu nehmen, und das bedeutete vor allem, sich mit Ethan auseinanderzusetzen.
Gestern Abend hatte er Hank gelöchert und herausbekommen, dass sie zu Hause war. Am Telefon nannte Lena ihm den wahren Grund für ihre Rückkehr, nämlich dass Jeffrey sie brauchte. So hatte sie auch gleich eine Rechtfertigung, warum sie in den nächsten Wochen nicht viel Zeit für Ethan haben würde. Es gab einen Fall, auf den sie sich konzentrieren musste. Ethan war clever, in vieler Hinsicht wahrscheinlich weitaus mehr als Lena, und immer wenn er spürte, dass sie sich zurückzog, sagte er genau das Richtige und gab ihr das Gefühl, nicht bedrängt zu werden. Am Telefon war seine Stimme sanft wie Seide. Er sagte, sie müsse eben tun, was sie tun müsse, und bat sie, ihn anzurufen, wenn sie Zeit fand. Lena fragte sich, wie viel Spielraum er ihr diesmal ließ, wie lose die Schlinge um ihren Hals lag. Warum war sie bloß so schwach, wenn es um Ethan ging? Wie war es dazu gekommen, dass er so viel Macht über sie hatte? Sie musste etwas unternehmen, um ihn loszuwerden. Es musste ein besseres Leben geben als dieses hier.
Lena bog in die Sanders Street ab und vergrub die Hände in den Jackentaschen. Ein kalter Wind wirbelte das Laub auf. Vor fünfzehn Jahren hatte sie die Stelle bei der Polizei von Grant County angenommen, um in der Nähe ihrer Schwester zu sein. Sibyl forschte am naturwissenschaftlichen Institut des Colleges und hatte, bis ihr Leben ein so brutales Ende fand, eine vielversprechende Karriere vor sich. Das konnte man von Lena nicht behaupten. Vor einigen Monaten hatte sie – vornehm ausgedrückt – «eine Auszeit nehmen müssen» und eine Zeitlang beim Sicherheitsdienst im College gejobbt, bis sie beschlossen hatte, ihr Leben wieder in den Griff zu kriegen. Es war überaus großzügig von Jeffrey gewesen, Lena wieder einzustellen, und sie wusste, dass einige ihrer Kollegen nicht besonders gut auf sie zu sprechen waren.
Lena nahm es ihnen nicht übel. Von außen musste es so aussehen, als hätte sie es sich ziemlich leicht gemacht. Aber voninnen war es ganz anders. Vor knapp drei Jahren war sie vergewaltigt worden. Die Narben an ihren Händen und Füßen, wo ihr Entführer sie am Boden festgenagelt hatte, schmerzten noch heute. Richtig angefangen wehzutun hatte es auch erst mit ihrer Befreiung.
Dennoch wurde es langsam leichter. Mittlerweile konnte sie wieder einen leeren Raum betreten, ohne dass sich ihr unweigerlich die Nackenhaare sträubten. Allein zu Hause zu sein löste nicht mehr sofort Panik in ihr aus. Und manchmal verging sogar ein halber Vormittag, ohne dass sie daran dachte.
Lena musste sich eingestehen, dass Nan Thomas ihr dabei eine große Stütze war. Als Sibyl die beiden einander vorgestellt hatte, hatte Lena Nan auf Anhieb nicht ausstehen können. Nan war zwar nicht Sibyls erste Geliebte gewesen, aber sie war da, um zu bleiben. Als die beiden Frauen zusammenzogen, hatte Lena sogar eine Weile nicht mehr mit ihrer Schwester gesprochen. Heute bereute Lena das, wie so vieles andere auch, doch Sibyl war nicht mehr da, um ihre Entschuldigung anzunehmen. Wahrscheinlich sollte Lena sich stattdessen bei Nan entschuldigen, doch immer wenn sie einen Ansatz dazu machte, fehlten ihr die Worte.
Bei Nan zu wohnen war wie der Versuch, den Text eines Liedes zu lernen, dessen
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