Großer-Tiger und Christian
kein böses Wort mehr.«
»Vielleicht«, sagte Christian nachdenklich, »ist es so; vielleicht ist es anders.« Dann schwiegen beide eine Zeitlang. Die
Fässer schlugen aneinander, und manchmal rutschten sie ein wenig vor oder zurück, je nachdem es über eine Bodenwelle oder
über eine Furche ging, die Grünmantel nicht beachtete.
»Wie wäre es«, schlug Großer-Tiger vor, »wenn ich Glück bei Gelegenheit die Patrone sehen ließe? Dann fragt er mich, woher
ich sie habe, und ich werde sagen: ›Dieses Flintenkind habe ich gefunden; und vielleicht passt es in die Pistole des befehlenden
Herrn.‹ – Da wird er probieren, ob die Patrone passt, und dabei wird er merken, dass man ihm die übrigen gestohlen hat, und
er wird ein großes Geschrei machen.«
»Und dann?«, fragte Christian.
»Dann werde ich sagen: ›Man weiß nicht, wer es getan hat, aber Grünmantel hat welche in der Hosentasche, und sie sehen so
aus wie diese, und es ist eine ganze Menge.‹«
»Ich fürchte«, sagte Christian, »das ist kein sehr guter Gedanke.«
»Doch«, beharrte Großer-Tiger,« lass mich nur machen!«
»Grünmantel muss aber weit weg sein, wenn du das sagst.«
»Er muss wenigstens eine halbe Stunde lang woanders sein.«
»Wenn er dich aber nicht allein lässt?« »Dann«, sagte Großer-Tiger, »wäre es das Beste, du gingst mit ihm so lange spazieren,
bis ich alles gesagt habe, was Glück wissen muss.«
»Vielleicht will er gar nicht mit mir spazieren gehen.«
»Er muss«, sagte Großer-Tiger, »einen andern Ausweg gibt es nicht.«
Christian erwiderte nichts mehr. Er dachte darüber nach, wie unangenehm es sein müsse, mit Grünmantel spazieren zu gehen,
und ob sie sich über das Wetter oder über Gelbe-Ziegen unterhalten sollten. Wahrscheinlich würde er sich fürchten, so lange
wie eine halbe Stunde mit Grünmantel allein zu sein. Aber das wollte er nicht laut sagen, und darum betrachtete er die schwarzen
Felsen von Muruktschich, die näher kamen.
Als es Abend wurde, war das Tal Schara-Murin überquert. Christian deutete auf das »Südliche Blatt« und sagte: »Jetzt ist es
nicht mehr weit bis Küh-Wasser.«
Eine Stunde später tauchten zwei Jurten am rechten Talrand auf. Der bleiche Mond stand weiß in dem reinen Frühlingshimmel
über dem Berg Muruktschich, und wer das sah, konnte nicht mutlos bleiben.
Fünfundzwanzigstes Kapitel, das von Eselsgeschrei und von Drachenknochen handelt und von einer wichtigen Entdeckung
Der eine hieß Tschen, und der andere hieß Tschin.
Der große Tschen verbeugte sich und sagte: »Wir grüßen den ehrwürdigen Herrn Grünmantel.«
Der kleine Tschin sagte: »Ehrenwerter, großer alter Vater!« Dabei gluckste er, denn er war nicht sehr gut erzogen.
»Schon recht«, sagte Grünmantel herablassend. Er saß hinter dem Steuer und genoss ausgiebig die Verblüffung seiner Angestellten,
die in ihrer Verbeugung verharrten; so eine Hochachtung hatten sie gekriegt beim Anblick des Wagens und ihres Herrn, der imstande
war, das Ungetüm zu lenken.
Glück stieg als erster aus. »Komm herunter von deinem Thron!«, sagte er.
Grünmantel ärgerte sich, aber er erwiderte nichts. Erst als er bei Tschen und Tschin stand, die den Wagen betrachteten und
viele Worte der Bewunderung verloren, bemerkte er ziemlich laut: »Es ist schade, dass dieser Wagen sein herrliches Aussehen
eingebüßt hat. Der Soldat Glück, den ihr begrüßen müsst, ist einer Telegrafenstange nicht aus dem Weg gegangen. Es geschah
aus mangelnder Umsicht.«
Tschen und Tschin verneigten sich: »Wie befindet sich Euer geehrter Körper?«, fragten sie höflich.
»Schon recht«, antwortete Glück, wandte sich ab, und man merkte gut, dass er wütend auf Grünmantel war.
»Zwei junge Fürstensöhne«, fuhr Grünmantel ungerührt fort, »sind mit mir gekommen; sie heißen Kompass-Berg und Großer-Tiger.«
Tschen und Tschin verneigten sich gehorsam noch einmal, und Christian und Großer-Tiger taten das gleiche.
»Wir wünschen zehntausendfaches Glück«, sagten sie ernst.
Der kleine Tschin gluckste wieder, und der große Tschen stand neben ihm. Er war ein vierschrötiger Mann im schwarzen abgetragenen
Kaufmannsrock; außerdem stieß er ein wenig mit der Zunge an, und man musste aufpassen, um ihn zu verstehen, wenn er seinen
Neffen Tschin rief.
Dieser Tschin war mit dreizehn Jahren als Lehrling nach Küh-Wasser gekommen. Jetzt war er ein Bürschchen von vierzehn, und
obgleich er Tschin
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