Großer-Tiger und Christian
Herr, das ändert nichts an der Erhabenheit der
Erscheinung.«
»Diese erhabenen Flutwälzer«, erklärte Christian, »legten Eier, und die Eier habe ich auch gesehen. Sie waren sehr groß, und
weil sie so alt sind, waren sie fast so hart wie Steine.«
»Was sagt der ehrenwerte Herr Glück dazu?«, erkundigte sich Onkel Tschen triumphierend.
»Schlafen!«, sagte Glück, und er drehte sich um.
»Bolna!«, sagte Christian, und dann wurde es still.
Die letzte Glut erlosch, und als alles finster war, griff Großer-Tiger heimlich nach der Hand von Tschin, legte den Silberbatzen
hinein und flüsterte ihm ins Ohr, er solle noch eine Stunde wach bleiben, und wenn alle schliefen, möchte er mit ihm zwei
Worte reden.
»Gut«, flüsterte Tschin, und er begann regelmäßig und kräftig zu atmen wie ein müder Schläfer. Er brauchte nicht einmal eine
Stunde zu warten, denn Glück schlief gleich ein, Onkel Tschen ebenfalls, und als Grünmantel zu schnarchen anfing, war keine
Gefahr mehr, dass ein leises Wort gehört würde. »Ihr zieht von Küh-Wasser weg«, begann Großer-Tiger, »freust du dich?«
»Ich freue mich«, sagte Tschin und gluckste vergnügt; »woher weißt du das schon wieder?«
»Wir wissen eben alles«, flüsterte Christian, der aufgewacht war; »aber ihr müsst leiser reden.«
»Wir reden wie die alten Könige inmitten der Erde«, sagte Großer-Tiger.
»Keine Angst«, flüsterte Tschin, »Onkel Tschen schläft wie ein Drache auf dem Berg Muruktschich.«
»Warum zieht ihr von Küh-Wasser fort?«, fragte Großer-Tiger.
»Grünmantel will sein Geschäft in die Provinz Kansu verlegen«, sagte Tschin; »er wollte es schon lange, aber als er hörte,
dass der Mann mit dem Gewehr nach ihm gefragt habe, war er plötzlich entschlossen, alles abzubrechen. Sobald ich den Blitzbrief
besorgt habe, holen wir sechzehn Kamele, die uns der Mongole Pandiriktschi schuldet, und dann ziehen wir nach Sutschou. Das
ist eine Stadt, die zwischen Lantschou und dem Ort liegt, von dem in dem Blitzbrief die Rede ist.«
»Hsing-Hsing-Hsia«, sagte Christian.
»Ja«, flüsterte Tschin, »so heißt das Nest. Dort ist der große Karawanenweg, den man die Seidenstraße nennt. Grünmantel sagt,
es gebe dort ein besseres Geschäft, nicht bloß mit Wolle und mit Drachenknochen.«
»Vielleicht«, sagte Großer-Tiger nachlässig, »will er mit Wagen fahren, die von selber gehen; auf der Seidenstraße kann man
das.«
»Onkel Tschen meint auch, dass es ginge«, sagte Tschin eifrig; »ich wäre froh, wenn es so wäre, da dürfte ich auch einmal
mitfahren.«
»Es geht bestimmt«, versicherte Christian; »ich möchte bloß wissen, warum Grünmantel sich nicht Schong-Ma nennt, wenn er schon
so heißt. Ich finde Grünmantel albern.«
»Manche Leute«, erklärte Tschin, »haben zwei Namen. Wenn einer nicht mehr taugt, nimmt man den andern. Vielleicht ist Schong-Ma
abgebraucht.«
»Es wird wohl so sein«, meinte Großer-Tiger schläfrig.
»Gehört der Silberbatzen mir?«, fragte Tschin aufgeregt.
»Er gehört dir«, sagte Großer-Tiger.
»Weshalb schenkst du ihn mir?«, wollte Tschin wissen; »ich kann dir nichts dafür geben.«
»Aus Freundschaft und zur Überraschung«, sagte Großer-Tiger; »am Ende hast du bald Geburtstag.«
»Ich weiß nicht, wann mein Geburtstag ist«, erwiderte Tschin.
»Umso besser, dann ist er heute.«
»Ich glaube«, sagte Tschin, »er muss wohl heute sein, so ein schöner Freudentag ist heute. Ich habe noch nie einen ähnlichen
erlebt.« Tschin schluckte vor übergroßem Glück, und er wurde sogar rot; aber das sah man nicht, weil es in der Jurte dunkel
war. Es gab zwar eine Stelle im Rauchfang, die ein winziges Stück Himmel frei ließ. Zwei, drei Sterne blinkten darin, aber
sie zogen rasch weiter, und dann kamen lange keine mehr. »So ein schöner Freudentag ist heute«, murmelte Tschin noch einmal
beglückt, und dann schlief er ein.
Sechsundzwanzigstes Kapitel, von der Begegnung mit Mateh und dem Karawanenführer
Glück war ein überzeugter Frühaufsteher. Daher kam es, dass alle schon beim Tee saßen, während es noch dunkel und kalt war.
Onkel Tschen, der andere Gewohnheiten hatte, hielt die Hände über das Feuer. Trotzdem er auch im Rücken fror, machte er ein
liebenswürdiges Gesicht und sagte feierlich: »Ich wünsche den Herren Wohlergehen zu Wasser und zu Lande. Vielleicht leiht
uns der Herr Glück vor der Abreise seine ehrenwerte Laterne, damit wir den
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