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Großer-Tiger und Christian

Großer-Tiger und Christian

Titel: Großer-Tiger und Christian Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Frritz Mühlenweg
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Schilfwiesen
     stand eine Jurte, Schafe weideten am Berghang, und aus dem Schilf tauchten die Köpfe von einigen Kamelen auf. Es mochte kurz
     vor Mittag sein, als Glück bei der Jurte haltmachte.
    »Aussteigen!«, rief er, »wir sind im Schnell-Schwarzwasser-Tal, und wahrscheinlich ist dies die letzte Jurte, die wir zu sehen
     kriegen, bevor wir den Edsin-Gol erreichen.«
    »Bolna!«, sagte Christian und schlüpfte aus dem Pelzmantel.
    »Ist dir was eingefallen?«, flüsterte Großer-Tiger.
    »Ich weiß, was man sagen muss; bitte lass mich reden, wenn Glück uns fragt.«
    »Hast du auch alles bedacht?«, fragte Großer-Tiger ängstlich; »es muss eine gute Lüge sein.«
    »Es ist eine sehr gute Lüge, weil sie ganz einfach ist«, entgegnete Christian zuversichtlich.
    Beide stiegen vom Wagen. Ein alter Mann stand da und begrüßte sie wie langerwartete Freunde. Seine Frau verscheuchte zwei
     zähnefletschende Hunde, die groß und wild waren, wie Hunde sein müssen, die den Wolf ohne Geheiß angreifen. Sie waren braun
     und weiß, und sie waren einig in der wütenden Lust, sich auf alles zu stürzen, was ihrem Herrn feindlich sein konnte. Sie
     hatten dicke Halskrausen wie junge Löwen, aber sie folgten der Alten aufs Wort.
    Nach der Begrüßung, die Christian und Großer-Tiger beinahe ohne Stocken zuwege brachten, bat sie der alte Mann, in die Jurte
     zu treten. Statt des Teppichs war der Eingang mit einer kleinen zweiflügligen Tür versehen, die offenstand und bescheidenen
     Wohlstand verkündete. Glück und Grünmantel gingen hinein, dann kamen Großer-Tiger und Christian, und zum Schluss folgte der
     Hausherr. Als sie schön der Rangordnung nach auf den Plätzen saßen, kam auch die Frau, schürte das Feuer und setzte frisches
     Teewasser auf. Christian und Großer-Tiger betrachteten die Jurte; sie war anders und bei weitem herrlicher als das arme Zelt
     Sertschis oder die verräucherte Filzjurte Onkel Tschens.
    »Hier möchte ich bleiben«, flüsterte Christian.
    »In diesem werten Palast wohnt das Glück«, sagte Großer-Tiger leise.
    Die Filzwände waren neu und weiß und an den Rändern blau eingefasst. Sie schimmerten durch das schwarze Gitterwerk, an dem
     neben der Tür ein Brett hing. Auf dem Brett standen der Reihe nach blanke Kupferkannen. Der Boden war mit Teppichen belegt,
     und auf den Teppichen lagen rote Sitzkissen, von denen es einen ganzen Stapel gab. lm Hintergrund war eine geschnitzte Truhe
     ehrwürdigen Alters, auf der ein gemusterter blauer Haddak lag. Zwei brennende Butterlämpchen standen darauf, hinter denen
     mehrere zwischen Brettchen gepresste und in Seide gebundene Bücher lagen. An erhöhter Stelle thronte ein Buddha aus Bronze
     mit den großen Ohren der vollkommenen Weisheit. Es roch unaufdringlich nach Weihrauch und stillem Glück.
    Nachdem eine Weile ausgiebig geschwiegen worden war, begann der alte Mongole zu reden. Er sprach mit tiefer Stimme, ohne sie
     zu heben oder zu senken, und er wandte sich an Christian: »Bist du schon lange im Mongolenland?«, fragte er.
    Glück musste einspringen: »Der armselige Ausländer«, sagte er, »kennt das Grasland erst seit vier Tagen.«
    »Ich bedaure ihn aufrichtig«, erwiderte der Alte.
    »Wie traurig muss es sein«, sagte die Frau, »nicht als Mongole geboren zu sein!«
    »Gewiss«, bestätigte der Alte, »es ist ein Unglück; aber welch ein Glück für ihn, dass er den Weg zu uns gefunden hat!«
    Als der Tee fertig war, gab es Hirse und frischen Rahmkäse, und der Alte nahm das Gespräch wieder auf. »Ich heiße Mateh«,
     sagte er, »und ich komme in jedem Jahr, wenn der Winter vorüber ist, in das Schnell-Schwarzwasser-Tal. Seit vier Tagen bin
     ich hier. Das Wasser ist gut, die Kamele und die Schafe finden genug zu fressen; mehr brauche ich nicht.«
    »Wie ist es mit dem Wolf?«, fragte Glück; »ich sehe, deine Schafe weiden am Berghang, und es ist niemand bei ihnen.«
    »Der Wolf kommt selten hierher, weil es keine Antilopen gibt. Auch die Hasen sind rar, und die großen Wildschafe leben inden Bergen. Sie haben Hörner, die der Wolf nicht liebt, und sie sind flink wie der Vier-nicht-gleich.«
    »Vier-nicht-gleich?«, fragte Grünmantel lebhaft. Er hatte das seltsame Wort verstanden, denn es gehörte zu den wenigen, wie
     Wolle, Mehl und Salz, die er sich angeeignet hatte. »Was ist mit dem Vier-nicht-gleich?«
    »Warte zwei Augenblicke«, sagte Glück; »oder ist dir unbekannt, dass der Vier-nicht-gleich ein Märchen ist?«
    »Er

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