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Großer-Tiger und Christian

Großer-Tiger und Christian

Titel: Großer-Tiger und Christian Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Frritz Mühlenweg
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Haddak zur Stirn hob und dann in den Gürtel steckte. Da machten sie es ebenso, und Glück sagte: »Wir verdienen nicht
     geehrt zu werden, wir sind kümmerliche Reisende.«
    Das ließ Mateh nicht gelten. Sie seien bereits sehr enge Freunde, behauptete er und sprach in gewählten Redewendungen, die
     Glück nicht alle verstand, von dem Glanz, den sie in seine Jurte brächten. »Wer meinen teuren Freund Nicht-gibt-es-nicht kennt«,
     rief Mateh, »steht nah an meinem Herzen.«
    »Das bist du«, sagte Glück, und er gab Christian einen Schubs.
    »Ich kenne ihn aber nicht«, versicherte Christian unglücklich; »Nicht-gibt-es-nicht ist schon lange tot.«
    »Wir bitten den befehlenden Herrn Glück«, sagte Großer-Tiger, »unsere Bedrängnis nicht zu verraten. Es wäre nämlich nicht
     gut, wenn Grünmantel erführe, dass wir mit dem Sohn und dem Sohnessohn des Mannes Nicht-gibt-es-nicht befreundet sind. Der
     eine heißt Dogolon, der andere heißt Bator.«
    »Aha!«, knurrte Glück, »ihr scheint feine Bekannte zu haben; von diesem Dogolon habe ich schon gehört.«
    »Er ist aber kein schlechter Mensch!«, rief Christian.
    Glück zog die Augenbrauen hoch. Er warf einen prüfenden Blick auf Großer-Tiger und Christian, sagte aber weiter nichts, sondern
     begann dem wartenden Mateh auseinanderzusetzen, wie alles war, und dass Dogolon ein Sohn von Nicht-gibt-es-nicht und Bator
     ein Sohn von Dogolon sei.
    »Ich weiß es«, erwiderte Mateh arglos. »Wie geht es Dogolon, und wohnt er noch am Weißen-Stein?«
    »Vor drei Tagen ist er weggezogen«, sagte Glück ärgerlich.
    »Er wandert zum Edsin-Gol«, erklärte Großer-Tiger, »dort wohnt der Mann Naidang, der auch ein Großvater von Bator ist, Christian
     und ich wollen ihn besuchen, wenn wir ihn finden.«
    »Die Vergangenheit«, sprach Mateh, »dringt empor wie das Holz aus der Erde.«
    »Habt ihr zwei Augenblicke Zeit?«
    »Wir haben sie«, sagte Glück mürrisch; aber dann besann er sich und fügte höflich hinzu: »Wir haben einen ganzen Sack davon.«
     Dabei lächelte er zutunlich, denn er wollte seine Unhöflichkeit schnell vergessen machen.
    »Vor sieben Jahren«, begann Mateh, »kam Nicht-gibt-es-nicht zu uns. Es war zeitig im Frühjahr, und die Nächte waren kalt.
     Nicht-gibt-es-nicht kam spät am Abend, und nachdem wir uns kennengelernt hatten, gingen wir zur Ruhe. Am nächsten Morgen wollte
     er weiterreiten, doch wir baten ihn, zu bleiben, und da blieb er, und wir erfuhren von allem, was es in der Welt gibt. Wir
     hatten gemeinsame Bekannte, von denen wir reden konnten, und als es wieder Abend wurde, kam das Gespräch auf Jolleros-Lama.«
    »Wir haben den Gegen in Weißer-Stein gesehen«, sagte Christian.
    »Er ist wie Vater und Mutter«, sagte Großer-Tiger.
    »Er ist gütig zu Mensch und Tier«, bekräftigte Mateh. »Von ihm hatte Nicht-gibt-es-nicht ein Blatt des heiligen Baumes in
     Kumbum, das sollte er im Schnell-Schwarzwasser-Tal in den Wind werfen. Es ging aber kein Wind. Am Abend des vierten Tages
     zog Nicht-gibt-es-nicht ein schmales Buch aus dem Gürtel, darin lag das Blatt, und viele Seiten des Buches waren beschrieben.
     ›Ich bin ein schlechter, neugieriger Mensch‹, sagte Nicht-gibt-es-nicht, ›kannst du lesen?‹ ›Diese Kunst verstehe ich nicht‹,
     sagte ich. ›Aber du hast viele Bücher‹ erwiderte er, ›wie kommt es, dass du sie bewahrst?‹ ›Sie gehören meinem erstgeborenen
     Sohn, er ist ein Lama im Kloster Orte-Golen-Sum.‹«
    »Dort waren wir auch«, sagte Glück, »wir sind aber vorbeigefahren.«
    »Das ist schade!«, rief Mateh, »in Orte-Golen-Sum ist die Blüte der weisen Männer von Ordos und Sunit.«
    »Der Sunit-Wang war dort«, bemerkte Großer-Tiger, »und sein alter Vetter war auch zu Besuch. Er ist sehr klug.«
    »Der alte Vetter ist ein vollkommener Weiser«, sagte Mateh. »Bei ihm war Nicht-gibt-es-nicht auch gewesen, und der gelehrte
     Mann schrieb ihm mancherlei in das schmale Buch, damit Naidang es lesen sollte, sobald Nicht-gibt-es-nicht zum Edsin-Gol käme.
     Allein des Himmels Beschluss wollte es anders.
    In der vierten Nacht, als ich schlief, weckte mich Nicht-gibt-es-nicht. Ein Sturm war aufgekommen und brauste durch das Schnell-Schwarzwasser-Tal.
     ›Ich möchte das Gebot des heiligen Mannes erfüllen‹, sprach Nicht-gibt-es-nicht, ›und ich bitte dich, mein Zeuge zu sein.‹
     Wir traten vor das Zelt, wo die Hunde im Windschatten lagen. Sie hoben die Köpfe, und der Himmel war schwarz bis auf ein

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