Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Großer-Tiger und Christian

Großer-Tiger und Christian

Titel: Großer-Tiger und Christian Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Frritz Mühlenweg
Vom Netzwerk:
Hammelfleisch in die Essschale.
    »Vielmals entschuldigen«, sagte Dascha verlegen lächelnd, »wir sind schlechte Menschen.«
    »Weshalb?«, fragte Glück, der nicht mitkam. »Du gibst uns ein dickes Gastmahl; wo ist da die Schlechtigkeit?«
    »Wir Mongolen«, bekannte Dascha, »sollten erst im vierten Mond schlachten; aber schließlich sind wir ja keine Lamas; wir sind
     schwarze Männer, die sich nicht so ganz an die Vorschriften halten.«
    Glück lachte. »Heil euch schwarzen Männern!«, sagte er; »gestern haben wir auch bei einem schwarzen Mann gegessen.«
    »Ich weiß«, gab Dascha zu, »dass ich nicht der einzige bin; trotzdem ist es nicht gut. In den Klöstern fasten die Lamas jetzt,
     und manche kriegen davon die Krankheit, die dicke Beine und dicke Köpfe macht.«
    »Was ist mit Pandiriktschi?«, fragte Grünmantel dazwischen.
    »Du scheinst ein schlechtes Gewissen zu haben«, entgegnete Glück kauend; »lass mich mit deinem Pandiriktschi in Frieden.«
     »Ich muss es wissen«, sagte Grünmantel hartnäckig.
    »Wer ein gutes Gewissen hat«, belehrte ihn Glück, »dessen Herz erschrickt nicht, wenn um Mitternacht an die Tür geklopft wird.«
    Plötzlich schlugen draußen die Hunde an, und gleich darauf hörte man den kurzen Trab eines Mongolenpferdes. Man hörte den
     Reiter fluchen, das Pferd schlagen, und einer der Hunde begann zu jaulen. Anscheinend hatte ihn das Pferd getreten. Dann vernahm
     man den Absprung des Reiters und den schweren Tritt von Stiefeln.
    »Ich kenne den Menschen nicht«, sagte der lauschende Dascha. Er wollte aufstehen, aber da wurde der Filzteppich des Eingangs
     zurückgeschlagen, und in dem Türrahmen erschien die massige Gestalt eines wilden Mannes. Er trug einen Mantelaus Schafpelz mit dem Fell nach innen und mit dem Leder nach außen. Das Leder war einmal weiß gewesen, aber es war nicht mehr
     weiß, sondern schwarz von dem Rauch vieler Lagerfeuer. Als Gürtel hatte er eine gelbe Schärpe, die auch nicht mehr gelb war.
     Ein Tabakbeutel hing daran, ein Dolch und ein mondförmiger Stahl zum Feuerschlagen. Die Kleidung war selbst für mongolische
     Begriffe schäbig; aber man dachte nicht an die geplatzten Nähte, und man vergaß die fehlenden Messingknöpfe, wenn man den
     Hut des Mannes betrachtete, der aus gelber Seide und Silberfuchsfell gemacht war. Es war ein Prachtstück.
    »Sitzt ihr leicht und gut?«, fragte der Mann mit rollendem Bass, und sein Blick eilte von einem zum andern der merkwürdigen
     Gesellschaft, die um den Feuerplatz saß. Als er bei Glück ankam und die Uniform sah, hielt er still. Mit einemmal wurde das
     Gesicht des Fremden feindselig. Die steilen Falten zwischen den Augenbrauen vertieften sich, und der schwarze Bart über der
     Oberlippe zitterte von dem Luftzug, der durch die Nasenlöcher fuhr.
    »Chinesenmensch«, fragte der Mann barsch, »gehört dir der Wagen, der von selber geht?«
    »Der Wagen gehört dem großen General Wu«, entgegnete Glück unerschrocken, »und ich heiße nicht Chinesenmensch.«
    »Dieser Krieger«, warf Dascha vermittelnd ein, »hat mit mir den Gruß der Freundschaft gewechselt.«
    »Hm!«, knurrte der Fremde, »so ist das.«
    Er setzte sich, griff in den Gürtel und tauschte mit Dascha die Schnupfflaschen.
    »Iss«, bat ihn Dascha nachher, »ich sehe, du hast einen weiten Weg gemacht.«
    Der Fremde blickte auf seine staubigen Stiefel, zog eine Essschale aus dem Mantel und füllte sie mit Fleischbrühe.
    »Das ist genug«, sagte er, »ich esse kein Fleisch.«
    Dann war es eine Weile sehr still. Man hörte das Feuer knistern und das leise Sieden im Kessel, und Großer-Tiger und Christian
     begannen sich zu fürchten.
    »Warum isst er nicht?«, flüsterte Christian, der neben Glück saß.
    »Er ist ein Lama«, gab Glück ebenso leise zurück, »er darf jetzt kein Fleisch essen.«
    Christian wunderte sich, und es wurde ihm noch ängstlicher zumut als vorher. Er dachte an Jolleros-Lama, der gütig gewesen
     war wie ein Vater, und er dachte auch an den alten Vetter, der Tag und Nacht in einem fort ritt, um seinen Freund noch einmal
     zu sehen. Wozu mochte dieser grobe Klotz, der auch ein Lama war, über Land reiten?
    »Ich bitte um Entschuldigung«, sagte Christian, dem etwas eingefallen war, »ich komme gleich wieder.«
    Er stellte die Silberschale mit dem übrigen Fleisch auf seinen Platz, stand auf und verließ das Zelt.
    Draußen schaute er zuerst nach den Hunden; aber sie lagen faul in der Sonne, ließen die Zunge

Weitere Kostenlose Bücher