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Großer-Tiger und Christian

Großer-Tiger und Christian

Titel: Großer-Tiger und Christian Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Frritz Mühlenweg
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heraushängen und atmeten schnell.
     Trotzdem ist es besser, ich nehme den Daschior mit, dachte Christian, und er schaute, wo Glück ihn gelassen hatte. Der Daschior
     lehnte gegen die Zeltwand; nebendran lehnte ein zweiter, der groß wie ein Prügel war, und neben dem Prügel lehnte ein Gewehr,
     ein richtiges Gewehr. Es war ein moderner Reiterkarabiner. Der polierte Schaft glänzte in der Sonne, die Metallteile glänzten
     auch, und aus dem Lauf schaute ein Busch rotgefärbter Rosshaare heraus.
    Christian warf einen scheuen Blick darauf, nahm den Daschior Glücks fest in die Hand und ging das kurze Stück bis zum Wagen.
    Die Hunde rührten sich nicht. Kaum dass einer den Kopf hob und ein bisschen hinter ihm dreinknurrte.
    An der Türklinke des Führerhauses war das Pferd des streitbaren Mönchs angebunden. Es war ein Schimmel, der klein und wild
     und stämmig war wie sein Herr. Ein Kranz von weißen Haaren umrahmte die Fesseln und fiel bis auf die Hufe, die dadurch wie
     Pranken aussahen. In die Mähne waren Bänder geflochten, und der Schweif fegte den Boden. Als Christian näher kam, hob der
     Schimmel erregt den Kopf, und Christian, der an Streicheln gedacht hatte, dachte nicht mehr daran. Er machte einen Bogen um
     das wilde Pferd, das richtig mit beiden Hinterbeinen ausschlug, als Christian auf den Wagen kletterte.
    Kick du nur, dachte er belustigt. Er nahm drei Schafkäse aus dem einen Säckchen und eine Handvoll Honigbrotwürfel aus dem
     andern. Damit kehrte er zur Jurte zurück, stellte den Daschior neben das blinkende Reitergewehr, aus dem noch immer die roten
     Rosshaare schossen wie auf dem alten Stich daheim, wo »Erzbischöflich Konstanzischer Musketier feuernd« darunter stand.
    In der Jurte herrschte das gleiche düstere Schweigen wie vorher. Jeder aß gekochtes Hammelfleisch, kaute bedächtig, und der
     Lama blies über die Brühe, damit sie nicht so heiß wäre.
    Christian setzte sich auf seinen Platz, und als er saß, stupfte er Großer-Tiger. »Ich habe etwas Ausgezeichnetes vor«, flüsterte
     er; »gib mir einen Haddak.«
    Großer-Tiger langte in die Tasche und gab ihm das himmelblaue Stück Seide, das er von dem Herzog von Hanta bekommen hatte.
     Christian breitete es vor aller Augen aus, legte den Schafkäse und die Honigbrotwürfel darauf, und dann fasste er das Seidentuch
     an beiden Enden. Er verneigte sich artig vor dem wilden Lama. Zuerst suchte er nach ein paar passenden mongolischen Worten,
     aber da er in der Eile keine fand, sagte er in gewähltem Peking-Chinesisch: »Ich bitte den Großen Alten Vater, mein minderwertiges
     Geschenk nicht von sich zu stoßen.«
    Während Christian diese zwei schönen Worte sprach, fiel ihm ein, was er suchte, und er beendete seine Rede strahlend mit dem
     eindrucksvollen Wort: »Bolna!«
    »Du hättest ›Bollwo‹ sagen müssen«, flüsterte Glück.
    Der Lama hörte auf, über die Fleischbrühe zu blasen. Er setzte die Schale ab, blickte auf den Haddak und von da auf Christian,
     und dabei glättete sich seine Stirn. Schließlich grinste er von einem Ohr zum andern.
    »Ich haben?«, fragte er, und man merkte, dass sein Chinesisch noch schlechter war als das von Bator.
    »Meine Gabe ist gering, Exzellenz«, sagte Christian, »ich bitte deshalb um Vergebung. Bollwo?«
    Der Lama schnaufte, griff in den Gürtel und brachte einen verblichenen Haddak zum Vorschein, den er mit einer ernstenVerbeugung Christian reichte. Dann nahm er das Geschenk in Empfang.
    »Söhnchen«, fragte er, und seine Stimme dröhnte wohlgelaunt: »du Freund von Sunit-Wang etwa? Ich merken sofort.«
    Dabei deutete er auf die Oberseite des Schafkäses, wo das eingeprägte Zeichen war, das Großer-Tiger für ein Glückzeichen gehalten
     hatte. »Der Sunit-Wang ist unser hochgeschätzter Freund«, sagte Christian.
    »Und sein alter Vetter auch«, bekräftigte Großer-Tiger, und er ließ den wilden Mann die Silberschale sehen.
    »Große Ehrfurcht sagen!«, rief der Lama. Er verneigte sich, und man wusste nicht, ob vor Großer-Tiger, oder vor der Silberschale,
     oder vor beiden. Christian bedauerte, dass seine Schale noch nicht leer war; aber der Lama merkte ohnehin, woher sie kam.
     Er wurde aufgeräumt und fragte mongolisch und chinesisch durcheinander, bis Glück aufhörte, beleidigt zu sein, und ihm auf
     Mongolisch auseinandersetzte, woher sie kamen und wohin sie fuhren und wie das mit der Wolfsjagd gewesen war.
    »Wo ist der Sunit-Wang jetzt?«, wollte der Lama wissen.
    Glück

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