Großer-Tiger und Christian
er endlich, »als ob dieser Lama Donnerkeil den Ring kennen würde.«
»Es war mir auch so«, gab Christian zu; »aber wenn der Ring am Ende ihm gehört?«
Großer-Tiger zuckte die Achseln. »Dann gibt es keine Hilfe«, sagte er kleinlaut, und er ging den andern nach, die schon vor
der Jurte standen.
Christian begriff gut, dass Großer-Tiger den Ring versteckthatte, und er wusste auch, warum. Wenn der Lama Donnerkeil den Ring kannte, hätte er es laut hinausgebrüllt, und Glück und
Grünmantel hätten etwas gemerkt. Sie hätten gesagt: »Großer-Tiger hat eine Lüge losgelassen, und sein Großvater lügt auch.
Beide haben ihr Gesicht verloren; es ist ganz schwarz geworden, und man kann die Familie nicht mehr anschauen, so erbärmlich
sieht sie aus. Es gab wirklich keine Hilfe, und das war traurig.«
Auch vor der Jurte im Sonnenschein sah sich die Sache nicht besser an. Die Hunde standen auf und wedelten mit dem Schweif,
als sie Dascha erblickten. Nebenbei knurrten sie ein wenig wegen der vielen fremden Männer. Der Lama Donnerkeil nahm das Gewehr,
als ob es eine ganz gewöhnliche Sache wäre, dass er bewaffnet herumlief. Glück tat auch nicht dergleichen, und Grünmantel
schaute in die Luft, wie wenn er Regen erwarte.
»Gehen! Gut gehen!«, rief der Lama Donnerkeil, und klatschte mit dem Daschior gegen seine Stiefel. Da fingen die Hunde zu
bellen an; aber sie hielten sich in respektvoller Entfernung. Erst als der wilde Lama zu Pferd stieg und davontrabte, rannten
sie ihm nach. Sie versuchten den Schimmel zu beißen, oder taten doch so. Das Pferd schlug nach allen Seiten, und der Reiter
flog im Sattel. Das Gewehr blinkte in der Sonne, die roten Rosshaare schossen aus dem Lauf wie bei Dauerfeuer, und Donnerkeil
brüllte: »Jabonah! Sä jabonah!«
Dann gab er dem Schimmel einen gewaltigen Streich mit dem Daschior und sprengte davon.
Glück ging ein Stückchen hinterdrein und betrachtete die Spuren. Er tat es sorgfältig, und Christian schaute zu und fragte:
»Warum reitet Donnerkeil dahin, woher er gekommen ist?«
»Du merkst auch alles«, sagte Glück. »Aber pass mal auf: Es ist nicht ganz so, wie du denkst. Der Lama hat eine weite Reise
hinter sich, das hat er selbst gesagt. Er kommt aus dem Westen, und er reitet wieder nach dem Westen. Wir werden auch nach
Westen fahren. Siehst du die roten Lössbastionen?«
»Ich sehe sie«, sagte Christian.
»Wo sie zusammentreten«, fuhr Glück fort, »und wo es eng hergeht,fast so, dass man mit dem Wagen nicht durchkommt, dort beginnt eine neue Welt mit vielem schönem Gras und mit sanften Hügeln.
Man sieht sehr weit, beinah bis dahin, wo alles Grasland aufhört, und man nennt diese Gegend das Tal Schara-Murin. Wenn du
gut achtgibst, wirst du bald sehen, wohin Freund Donnerkeil geritten ist.«
»Nach Norden oder nach Süden?«, fragte Christian.
»Natürlich nach Süden; er will doch nach Belin-Sum zum Sunit-Wang.«
»Ach so!«, sagte Christian.
»Ich werde tüt, tüt machen«, versprach Glück, »sobald wir an die Stelle kommen.«
»Und bis Küh-Wasser«, fragte Christian, »ist es da noch weit?«
»Habt ihr Lust auf ein gutes Essen?«
»Wir haben sehr große Lust«, antwortete Christian, und er gab Großer-Tiger einen Schubs, damit er auch was sage.
»Es gibt keine Hilfe«, sagte Großer-Tiger, der nicht aufgepasst hatte, weil er immerfort an den Ring denken musste.
»Doch«, rief Glück, »wir werden in Küh-Wasser zu Abend essen; ich werde so schnell fahren, wie Donnerkeil reitet, und noch
schneller.«
Hoffentlich gibt es unterwegs kein Brunnenloch, dachte Großer-Tiger; aber das sagte er nicht, dazu war er viel zu bekümmert.
Vierundzwanzigstes Kapitel, mit Nachricht von dem Berg Muruktschich und von dem davonreitenden Donnerkeil
»Wie ist das mit Pandiriktschi?«, fragte Grünmantel hartnäckig, bevor er einstieg. Glück, der einige Kannen Benzin in den
Tank goss, sagte: »Ach so!« und: »Warte zwei Augenblicke.«
Als er mit der Arbeit fertig war und Christian und Großer-Tiger den Trichter versorgten und das halbleere Fass mit dem großen
Schraubschlüssel zumachten, winkte er Dascha herbei.
»Wir fahren weiter«, sagte Glück, »und wir danken dir für gutes Essen.«
»Ich ertrage deine Worte nicht«, erwiderte Dascha bescheiden.
»Dann bestelle sie deinem Herrn, dem reichen Pandiriktschi.«
»Pandiriktschi kommt erst in zwei oder drei Tagen«, sagte Dascha und zwinkerte bedeutungsvoll; »er ist in die
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