Grün war die Hoffnung
Herzens ganz angeschwollen waren – er hatte versucht, vor irgendwem oder irgend etwas zu fliehen, ein Traum voll düsterer gewundener Gänge und kreischender Fratzen –, und jetzt lag er plötzlich wach in der offensichtlichen Welt der Sinne, wo ein feiner Film aus Schweiß seinen Körper überzog und in den Schlafsack sickerte, der jeden Tag kräftiger nach Schimmel und Ammoniak und schleichender Verwesung stank. Neben ihm, mit leisem Rasseln durch den offenen Mund schnarchend, lag Lydia, die Arme wie eine Gekreuzigte von sich gestreckt. Ihre dunklen Brustwarzen sahen aus wie Strickmützen, die auf den weißen Kuppeln ihrer Brüste saßen, und ihre Brüste wirkten wie zwei schlaffe, fette weiße Menschen mit Strickmützen, die sich über die vierspurige Fahrbahn ihres Brustkorbs hinweg unterhielten. Ein schmaler Strich aus rabenschwarzem Haar zog sich vom Nabel bis zu ihrem Busch. Sie hatte auch Haare unter den Achseln, Haare an den Beinen, und ein feiner Streifen wuchs ihr auf der Oberlippe. Sie schwitzte. Ihre Lider zuckten. Er blieb eine Minute liegen und betrachtete sie, dabei ließ er sein Herz von dem Sims hinabklettern, auf dem er es am Abend abgelegt hatte, und er fühlte sich, als wäre er während der Nacht aus Ramschteilen zusammengesetzt worden. Sein Magen ballte sich zur Faust und entspannte sich wieder. Er mußte irgendwo Klopapier finden, und zwar schnell .
Pan stieg aus dem Schlafsack, der über die Doppelmatratze in einer Ecke des hinteren Raums des großen Hauses gebreitet war. Er erhob sich langsam und vorsichtig, seine Knochen waren schwer wie Holzpfosten, und durchwühlte leise seinen Rucksack und die Pappschachtel, die sein gesamtes Hab und Gut darstellten. Er wollte Lydia nicht wecken. Nein, Lydia wollte er bestimmt nicht wecken. Denn Lydia würde dann nur eines wollen, und dieses eine war er in seiner derzeitigen Verfassung nicht willens, ihr zu geben. Und während er nach dem letzten unbemerkten Drittel, Neuntel oder auch nur Siebenundzwanzigstel einer Klopapierrolle stöberte, die seine Brüder und Schwestern ihm noch nicht geklaut hatten, sah er aus den Augenwinkeln zu ihr hinüber und stellte fest, daß sie auch ziemlich fett war, zu fett, ganz und gar nicht sein Typ. Merry war sein Typ. Star war sein Typ – und wo war die überhaupt?
Am Abend zuvor hatte er sie nicht auftreiben können, obwohl er sie überall gesucht hatte, außer im hinteren Haus, wo die Schwarzen und Sky Dog ihre schlechte Laune pflegten, Scheibenkäsesandwiches mit saurem Rotwein runterspülten und in der dünnen Nachtluft den verwehenden Resten des Dufts von gegrilltem Wild hinterherschnupperten, aber dort war sie bestimmt nicht, das wußte er so gut wie jedermann auf Drop City. Zufällig hatte er Merry getroffen – sie und Jiminy saßen in Norms Schlafzimmer im oberen Stock und lasen einander Gedichte vor –, aber Merry sagte, sie sei überhaupt nicht in Stimmung zum Feiern, weil allein der Gedanke an eine Grillparty allem zuwiderlaufe, woran sie glaubte, und dann hatte sie ihn einen Fleischfresser genannt, vielleicht auch einen Kannibalen, doch ihr Lächeln dabei besagte: Alles schon verziehen, aber jetzt laß mich in Ruhe, ich lese Gedichte . Für Jiminy. Also suchte sich Ronnie andere Gesellschaft und mißbrauchte weiterhin diverse illegale Substanzen, bis der ganze Tag in die Nachspielzeit ging und er irgendwann in den dunklen Tiefen dieses Zimmers gelandet war, neben der Matratze ein Räucherstäbchen und eine phallische Kerze und über sich Lydia: nackt und behaart und feucht und mit seinem Schwanz in der Hand, als gehörte er ihr.
Und jetzt brauchte er Klopapier. Dringend. Er fand seine abgeschnittenen Jeans und zog sie über, scheiß auf das Hemd und die Schuhe, ihn packte hier wirklich bittere Not. Er dachte: Blätter, ich nehme einfach Blätter , als Lydia die veilchenblauen Elizabeth-Taylor-Augen aufklappte. »Oh«, sagte sie. »Was? Ach, du bist das.« Und schon war sie auf Händen und Knien, reckte sich ein wenig, ihre Ballontitten hingen unter ihr wie Luftschiffe, und sie sagte: »Komm her zu mir, Ronnie, Pan , komm doch, halt mich mal fest, nur eine Minute lang, ja? Eine Minute Zeit wirst du doch haben, oder?«
Er hatte keine Minute Zeit. Er hatte nicht mal fünfzehn Sekunden. Dieses Reh, voller Wildfleischprotein, harter Knorpel und dem ganzen Wald- und Wiesenfett, es nahm jetzt seine Rache. Wieder verkrampfte sich sein Magen, das Bild einer Gasexplosion im Erlenmeyerkolben, die er im
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