Gruppenbild mit Dame: Roman (German Edition)
Bibliothekarin, gelangte immerhin in den Besitz
eines kleinen Bändchens Gedichte, das sie mit Innigkeit in Empfang nahm und schon in der Straßenbahn darin zu lesen anfing.
Ich habe ein paar Verse behalten, weil sie sie mir doch jeden, jeden Abend vorlas. ›Der Ahnen Marmor ist ergraut.‹ Das fand
ich gut, großartig fand ich das, und das andere fand ich noch besser: ›Mädchen stehen an den Toren, schauen scheu ins farbige
Leben, ihre feuchten Lippen beben und sie warten an den Toren.‹ |267| Da hab ich regelrecht geheult und heul noch heute, weils mich erinnert und immer mehr, je älter ich werde, an meine Kindheit
und meine Jugend erinnert: wie erwartungsvoll und fröhlich ich war – erwartungsvoll und fröhlich –, und auf Leni hat das andere
Gedicht so gepaßt, das wir beide bald auswendig wußten: ›Oft am Brunnen, wenn es dämmert, sieht man sie verzaubert stehen,
Wasser schöpfen, wenn es dämmert, Eimer auf und nieder gehen.‹ Sie hat nämlich diese Gedichte aus dem kleinen Bändchen auswendig
gelernt und in der Werkstatt mit einer improvisierten Melodie vor sich hingemurmelt – um ihm eine Freude zu machen, und es
hat ihm Freude gemacht, aber Ärger hats auch gegeben, mit diesem Nazi, der sie eines Tages angebrüllt hat und gefragt, was
das denn bedeuten soll, und sie hat gesagt, sie zitiere nur einen deutschen Dichter, und dummerweise hat der Boris sich eingemischt
und gesagt, er kenne diesen deutschen Dichter, der aus der Ostmark – er hat wirklich Ostmark gesagt!– stamme und Georg Trakl
heiße und so weiter. Das hat den Nazi wieder auf die Palme gebracht, weil ein Bolschewik da deutsche Gedichte besser kannte
als er – er hat sich bei der Parteileitung oder so erkundigt und gefragt, ob dieser Trakl denn ein Bolschewik gewesen sei,
und man hat ihm wohl gesagt, der sei in Ordnung. Und obs in Ordnung sei, daß ein Sowjetrusse, ein Untermensch, ein Kommunist,
diesen Trakl so gut kenne, da hat man ihm wohl gesagt, heiliges deutsches Kulturgut gehöre wohl nicht in den Mund von Untermenschen.
Es hat tatsächlich noch mehr Ärger gegeben, weil die Leni – nun, die war vorübergehend frech und selbstbewußt und sah phantastisch
aus, weil sie geliebt wurde, so wie mich nie einer, auch Schlömer nicht, geliebt hat – vielleicht hätte Heinrich mich so geliebt
–, die hat also ausgerechnet an diesem Tag das Gedicht von der Sonja gesungen: ›Abends kehrt in alte Gärten, Sonjas Leben,
blaue Stille‹ – viermal kommt die Sonja |268| vor. Und der Nazi hat geschrien: Sonja wäre ein russischer Name, und das sei Volksverrat oder so was. Leni schlagfertig: Sonja
Henie hieße auch Sonja, und sie habe noch vor einem Jahr einen Film gesehen, der ›Postmeister‹, lauter Russen und ein russisches
Mädchen. Diesem Disput hat Pelzer dann wohl ein Ende gemacht, indem er das alles für Stöz erklärte und sagte, Leni dürfe natürlich
bei der Arbeit singen, und wenns nichts Staatsfeindliches sei, so sei dagegen nichts einzuwenden, und es wurde abgestimmt,
und weil sie so ne hübsche kleine Altstimme hatte und alles sowieso trübselig war und keiner mal so einfach anfing zu singen,
haben alle, aber auch alle gegen den Nazi gestimmt – und Leni durfte weiter ihre improvisierten Trakl-Lieder singen.«
Hölthohne, Kremer, Grundtsch bezeugen, wenn auch in abweichenden Formulierungen, daß sie Lenis Gesang als angenehm empfanden.
Die Hölthohne: »Mein Gott, in dieser tristen Zeit so was Süßes: die Kleine mit ihrer netten Altstimme, die – ohne Befehl –
sang; nun, man konnte schon merken, daß sie ihren Schubert auswendig kannte, und wie geschickt sie den mit den schönen, bewegenden
Texten variierte.« Die Kremer: »Das war doch ein wahrer Sonnenschein, wenn die Leni mal was sang. Da haben nicht mal die Wanft
oder Schelf was gegen gehabt; man konnte schon sehen, hören und auch spüren, daß sie nicht nur verliebt war, auch geliebt
wurde – aber in wen und von wem – das hätte doch keiner von uns geahnt, weil der Russe so ganz still immer dabeistand und
stur weiterarbeitete.«
Grundtsch: »Ich habe mich innerlich und äußerlich totgelacht über die Wut von diesem miesen, fiesen Kremp. Wie er sich über
die Sonja ärgerte! Als obs nicht hunderte, tausende Frauen gegeben hätte, die Sonja hießen, und das war schon schlagfertig
von der Leni, mit der Sonja Henie |269| zu kommen. Ach, das war doch, wie wenn plötzlich auf einem
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