Gruppenbild mit Dame: Roman (German Edition)
Sie wissen doch, daß ich kein Unmensch bin, und von mir aus – von mir aus können Sie Ihre Lieder
schmettern wie Schaljapin, aber Sie wissen doch, was Frau Pfeiffers Singen (ich habe sie nie in seiner Gegenwart Leni genannt)
für Unruhe angerichtet hat, was soll denn nun werden, wenn Sie . ..‹ Letzten Endes hab ichs dann riskiert, hab eine kleine
Ansprache gehalten und hab gesagt: ›Also hört mal, Leute, unser Boris hier, der arbeitet jetzt schon ein halbes Jahr mit uns.
Wir wissen alle, daß er ein guter Arbeiter und ein zurückhaltender Mensch ist, nun liebt er deutsche Lieder und den deutschen
Gesang überhaupt und möchte während der Arbeit mal hin und wieder ein deutsches Lied vortragen dürfen. Ich schlage vor, wir
stimmen ab, und wer dafür ist, soll die Hand heben‹, und ich habe sofort als erster die Hand gehoben – und siehe da: der Kremp
hat nicht gerade die Hand gehoben, sondern nur was vor sich hin geknurrt –, und ich habe weiter gesagt: ›Es ist nun mal deutsches
Kulturgut, was Boris vortragen möchte, und ich sehe keine Gefahr darin, wenn ein Sowjetmensch derart auf deutsches Kulturgut
aus ist.‹ Nun, Boris war klug genug, nun nicht gleich loszusingen, hat noch ein paar Tage gewartet, und dann, ich sage Ihnen,
hat er Arien von Carl Maria von Weber gesungen, wie ich |272| sie im Opernhaus nicht besser gehört habe. Auch die ›Adelaide‹ von Beethoven hat er gesungen, musikalisch makellos in makellosem
Deutsch. Nun, er hat mir dann etwas zuviel Liebeslieder gesungen und dann schließlich ›Auf nach Mahagonny, die Luft ist kühl
und frisch, dort gibt es Pferd- und Weiberfleisch, Whisky und Pokertisch‹. Das hat er oft gesungen, und ich hab später erst
erfahren, daß es von diesem Brecht ist – und ich muß schon sagen, noch nachträglich läuft es mir kalt den Rücken runter –,
ich finde das Lied gut und hab mir später dann die Platte gekauft, die hör ich heute noch oft und gern – aber, eiskalt läuft
es mir runter, wenn ich nur dran denke: dieser Brecht von einem russischen Kriegsgefangenen im Herbst 1944 gesungen, wo die
Engländer schon bei Arnheim waren, die Russen schon in den Vorstädten von Warschau waren und die Amerikaner fast in Bologna
... da kann man nachträglich noch graue Haare kriegen. Aber wer kannte schon Brecht, nicht mal die Ilse Kremer hat Brecht
gekannt – darauf konnte er sich nun verlassen, daß keiner Brecht und auch keiner diesen Trakl kannte: das hab ich dort erst
später gemerkt: das war doch ein Liebes-Wechselgesang zwischen ihm und der Leni! Regelrechter Wechselgesang.«
Margret: »Die beiden wurden immer kühner, ich habe eine schreckliche Angst gekriegt. Leni brachte ihm jetzt täglich, täglich
was mit: Zigaretten, Brot, Zucker, Butter, Tee, Kaffee, Zeitungen, die sie zu winzigen Quadraten zusammenfaltete, Rasierklingen,
Kleidungsstücke – es ging doch auf den Winter zu. Sie können rechnen, daß von Mitte März 44 an kein Tag verging, an dem sie
ihm nicht was mitbrachte. Sie grub in den jeweils untersten der Torfballen eine Höhle, die sie mit so einer Art Torfpfropfen
wieder zustopfte, und natürlich der Wand zugekehrt lag das Versteck, aus dem ers sich dann rausholen |273| mußte, und natürlich mußte sie auch die Wachposten freundlich stimmen, damit sie ihm das Filzen ersparten – das mußte vorsichtig
geschehen, und da war dieser eine freche Kerl, ganz lustig, aber frech, der wollte mit Leni mal tanzen gehen und auch sonst
und so, so nannte er das, ›mal in den Clinch gehen‹ – ein freches junges Schwein, der wahrscheinlich mehr wußte, als er zugeben
wollte. Der bestand darauf, daß Leni mal mit ihm ausging, und schließlich ließ sich das nicht mehr vermeiden, und sie bat
mich mitzugehen. Wir sind also ein paarmal in diese Soldatentanzbumslokale gegangen, die ich sehr gut und Leni gar nicht kannte,
und der freche Kerl gab offen zu, ich wäre mehr sein Typ als Leni, die sei ihm zu sehr Seelchen, ich wäre mehr der Typ ›flotte
Perle‹ – nun, es kam, wie es kommen mußte, weil Leni eine schreckliche Angst bekam, der Kerl – Boldig hieß er – würde was
rauskriegen und Unheil anrichten. Ich habe mich – wie soll ich das anders ausdrücken –, nun, ich habe mich nicht gerade geopfert,
aber ich hab ihn einfach übernommen, auf mich genommen, wäre vielleicht besser gesagt – ein so großes Opfer wars ja nicht
für mich, und auf einen mehr oder weniger kams ja
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