Hände weg oder wir heiraten: Roman (German Edition)
mischte sich Pauline mit argwöhnischer Miene ein. »Welche Gründe wären das denn genau?«
Marie-Luise bedachte sie mit einem schmallippigen Lächeln. »Nun, es ist natürlich die Sache mit Ihrer bedauernswerten Frau Großmutter und der unglücklichen Tatsache, dass Sven das Haus quasi zu Ihren Lasten erworben hat. Sie müssen zugeben, dass es ein sehr schlechtes Licht auf seinen beruflichen Start werfen würde, wenn er Sie drei Knall auf Fall hier rausschmeißt.«
»Sie meinen doch wohl eher, wenn rauskommt, warum wir drei überhaupt gezwungen waren, hier zu bleiben.« Annabels Stimme klang so weich wie die Seide ihres eingefärbten Brautkleids, hatte aber einen stählernen Unterton, der mich an ein frisch geschärftes Messer erinnerte. Während sie sprach, schaute sie nicht Marie-Luise, sondern Serena an. Doch die machte keine Anstalten, ihren Blick zu erwidern, sondern betrachtete gelangweilt ihre Fingernägel. »Schaut mal, die Sachlage ist nun mal so, wie sie ist. Welchen Sinn macht es, sich ständig in die Vergangenheit zu verbeißen? Mama hat Recht, ihr solltet wirklich ausziehen. Wie würde es denn sonst, aussehen, wenn …« Sie hielt inne und sah mich an, als könnte ich den Satz viel besser zu Ende bringen als sie.
»Wenn was?«, fragte ich. Meine Stimme klang merkwürdig schrill und hörte sich in meinen eigenen Ohren so an, als wäre es gar nicht ich selbst, die da sprach, sondern eine Person, die neben mir stand. »Was soll dieses ganze Gelaber überhaupt? Was geht es dich an, ob wir hier ausziehen oder nicht?« Ich holte Luft, weil ich plötzlich das Gefühl hatte, ersticken zu müssen. Eine bedrohliche, furchtbare Wahrheit kam auf mich zu, ich konnte sie fast sehen. Ich musste nur noch die Augen aufmachen.
Doch noch nie war mir etwas so schwer gefallen wie meine nächste Frage. Ich würgte beinahe, um die Worte herauszubringen, die nötig waren, um mir Klarheit zu verschaffen.
»Was hast du überhaupt mit Sven zu tun?«
»Aber das ist doch ganz einfach.« Serena hob den Kopf und ihre blondierten Locken wippten lasziv auf ihren Schultern. »Ich dachte, du wüsstest es. Schließlich organisierst du doch unsere Hochzeit.«
*
Hinterher wusste ich nicht, wie ich diese Zusammenkunft ohne Mord und Totschlag überstanden hatte, doch irgendwie musste ich es hingekriegt haben, denn kurz darauf gingen Serena und Marie-Luise wieder, und beide erfreuten sich beim Verlassen des Hauses bester Gesundheit.
Pauline schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht fassen, wie wahnsinnig gut du dich beherrscht hast«, sagte sie bewundernd zu mir. »Dass du sogar noch mit ihnen über diese komische Märchendekoration für die Hochzeit reden konntest!«
»Geschäft ist Geschäft«, sagte ich tonlos, während ich geradeaus auf die Haustür starrte.
»Es ist toll, dass du das so professionell sehen kannst«, pflichtete mein Vater mir bei. Aus seiner Stimme klang deutliche Erleichterung, dass ich nicht in meinem ersten Schock diese für ihn unverzichtbare Geldquelle hochkant rausgeworfen hatte. Ich wich seinen dankbaren Blicken aus und versuchte vergeblich, meine Gedanken zu sortieren. Die Heiratskomödie war soeben in den dritten Akt übergegangen, aber ich konnte nichts Erheiterndes daran entdecken. Das bevorstehende Finale sollte wie geplant stattfinden, nur die Darsteller waren mal wieder ausgewechselt worden.
Annabel hatte die Schleppe ihres Brautkleides um sich gerafft und sah aus, als ob sie sterben wollte. Ihre Augen schwammen in Tränen und sie zitterte am ganzen Körper.
»Sie will ihn heiraten!«, flüsterte sie. »Jetzt will sie ihn auch noch heiraten!«
»Sie wollte ihn die ganze Zeit heiraten«, verbesserte Pauline sie. »Das mit Thomas war nur ein Missverständnis. Stimmt’s, Britta? Du hast Serena da bestimmt falsch verstanden. Oder hat sie irgendwann mal ausdrücklich gesagt, dass sie Thomas heiraten will?«
Ich schüttelte mechanisch den Kopf, ohne mir erst die Mühe zu machen, über Paulines Frage nachzudenken. Vielleicht hatte Serena es gesagt, vielleicht auch nicht. Alles war möglich bei Serena Busena, geborene Busenberg, Rumpelstilzchen und Teufel in einer Person.
»Also war es zwischen Serena und Thomas im Prinzip genau wie mit Klaus«, sinnierte Pauline. »Von den beiden wollte sie eigentlich nur …« Sie wandte sich Hilfe suchend an meinen Vater. »Was wollte sie von denen, Rolfi? Was meinst du?«
»Nichts«, sagte mein Vater höflich.
»So kann man es auch nennen«, räumte Pauline
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