Hände weg oder wir heiraten: Roman (German Edition)
sowie sämtliches Zubehör für die Zubereitung einer Feuerzangenbowle.
»Hier«, sagte sie, »iss erst mal was. Damit du eine richtige Grundlage hast.«
Ich betrachtete die Schnittchen, die sie mir vor die Nase hielt. Lauter köstliche Brote, mit Truthahnaufschnitt, Bündner Fleisch, Seranoschinken, Leberpastete mit Preiselbeeren. Annabel wusste genau, welche Sorten mir am besten schmeckten.
»Das Zeug muss sowieso weg«, sagte Annabel, während sie das Rechaud für die Bowle aufstellte. »Der Wein ist auch gleich heiß, ich hole ihn eben.«
Als sie kurz darauf mit dem dampfenden Topf zurückkehrte, hatte ich das dumpfe Gefühl, dass sich gewisse Ereignisse wiederholten. Und richtig, während Annabel die Feuerzange mit dem Zuckerhut auf den Topf legte und ihn mit Rum tränkte, sagte sie mit vor Entschlossenheit vibrierender Stimme: »Wir werden einen Zauber aussprechen.«
»Oh, bitte nicht noch einen Traummann!«
»Nein, wir brauchen keinen Traummann. Wir müssen über uns selbst einen Zauber verhängen.«
Ich dachte sofort an den Stress, den die arme Müllerstochter wegen ein bisschen Gold mit dem blöden Rumpelstilzchen gehabt hatte. »Ich will nicht verzaubert sein«, sagte ich und verdrückte ein Schnittchen mit Truthahnaufschnitt. Danach gönnte ich mir eins mit Leberpastete und dann eins mit Bündner Fleisch. Es schmeckte herrlich und automatisch musste ich an Klaus denken. Eigentlich hatte ich so bald wie möglich mit ihm sprechen wollen, um mit ihm gemeinsam die Möglichkeiten zu sondieren, wie er Annabel vielleicht hätte zurückerobern können. Nur so, damit sie diese fixe Idee loswurde, dass Sven ihr Traummann wäre.
Doch das hatte sich ja jetzt erledigt, denn Sven war natürlich jetzt bei ihr unten durch. Genau wie bei mir.
Es roch nach heißem Rotwein, Zimt, Gewürznelken und Orangen. Annabel goss weiteren Rum in eine Kelle und zündete ihn mit einem langen Streichholz an, bevor sie die brennende Flüssigkeit über den Zucker goss. Mit grimmig zusammengepressten Lippen schaute sie zu, wie die feurigen Tropfen in den Topf fielen. Es sah fast so aus, als hätte sie Zucker in Gold verwandelt, und einen absurden Augenblick lang bildete ich mir tatsächlich ein, sie wäre eine Art Hexe.
»Man muss nur dran glauben«, sagte sie.
»Woran?«
»An den Zauber. Wir brauchen einen Zauber, der uns unwiderstehlich macht. Der die Männer zu unseren hilflosen Opfern macht. Der sie willenlos zu unseren Füßen niedersinken lässt.«
Dieser Gedanke hatte etwas für sich. Er gefiel mir immer besser, je länger ich mich damit befasste. Mehr noch, ich stellte fest, dass er mich uneingeschränkt begeisterte. Er entwickelte eine so bestechende Folgerichtigkeit, dass ich gar nicht anders konnte, als Annabel zuzustimmen. Ein paar großzügige Schlucke von der Feuerzangenbowle unterstrichen die Logik der Idee noch.
Höhnisch malte ich mir aus, wie Sven vor mir auf die Knie fiel und mir einen Heiratsantrag machte. Und wie ich daraufhin eine angemessene Erwiderung von mir gab, zum Beispiel Fick dich ins Knie.
Annabel reicherte die Bowle mit noch mehr brennendem Rum an und füllte anschließend mit der Kelle meine Henkeltasse. Dann stand sie auf, zündete ein paar Kerzen an und knipste das Licht aus. Das Zimmer lag im Dunkeln, nur schwach erhellt vom flackernden Licht der Kerzen und den glühenden Zuckertropfen, die leise zischend in das heiße Gebräu im Topf platschten.
»Meinst du, der Zauber wirkt überhaupt, wenn Pauline nicht mitmacht?«, fragte ich.
»Oh, sie macht mit. Sie muss, ob es ihr gefällt oder nicht. Ich gehe sie eben holen.«
Sie verschwand und kam ein paar Minuten später mit einer mürrisch dreinblickenden Pauline zurück. Ihr Make-up war verschmiert, und unter ihrem Rock – in letzter Zeit trug sie anscheinend nur noch Röcke – zeichnete sich deutlich sichtbar der Umriss ihrer Pistole ab.
»Ihr seid echt verrückt«, sagte sie. »Es ist schlimm genug, dass ihr überhaupt daran glaubt. Aber dazu kommt ja noch, dass das Ergebnis total beknackt ist. Als letzten Traummann habt ihr euch einen triebgesteuerten Anwalt an den Hals gehext, und was wollt ihr als Nächstes?«
»Jemand, der gegen Serena allergisch ist«, sagte ich aufs Geratewohl.
»Dann werdet doch am besten lesbisch«, schlug Pauline vor.
»Wenn du nicht dran glaubst – wie erklärst du es dir dann, dass Rudolf hier aufgekreuzt ist?«, fragte Annabel triumphierend. »Gib zu, du hast ihn dir gewünscht! Er ist dein Traummann und
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