Hansetochter
bekam.
Simon ins norwegische Bergen? Aber jetzt doch noch nicht! Und was hatte es mit diesen Spielen auf sich?
»Simon ist noch zu jung für diese gefährliche Reise!«, warf sie erregt ein.
Ihr Vetter wandte sich ihr zornig zu. »Und dich erziehen wir auch noch, wenn auch nicht in Bergen. Es wäre mir ein Vergnügen, dich in das nächste Kloster zu schaffen. Aber leider hat mein Herr Vater ja was dagegen, noch zumindest.«
Henrike sah ihren Onkel an, der geistesabwesend den Finger durch eine Suppenlache auf dem Tisch zog. Sein Gesicht war von den Schlägen seines Sohnes geschwollen. Die Schmerzen hatte er mit noch mehr Wein zu betäuben versucht. Vor einiger Zeit hatte er sogar das Lallen eingestellt und war völlig verstummt. Ilsebe hingegen blickte ihren Sohn unverwandt an; war sie auch jetzt wieder stolz auf ihn? Telse hickste vor Aufregung. Ihr Blick flackerte zwischen Jost und ihrem Vater hin und her. Jetzt warf Jost sich Hartwig Vresdorp zu Füßen. Henrike konnte kaum ertragen, wie sich der Gehilfe erniedrigte. Gleichzeitig wusste sie, dass die Verzweiflung ihn dazu trieb. Als langjähriger Kaufgeselle hatte er eine Vertrauensstellung, die er sich in einem anderen Kaufmannshaus erst mühsam würde erarbeiten müssen. Wenn er denn überhaupt eine Stelle fand. Und sie war schuld an seiner Lage!
»Herr, Ihr habt es gehört, ich habe nichts getan. Bitte lasst mich in Euren Diensten bleiben!«
Hartwig Vresdorp schwieg. Unerträglich erschien Henrike dieses Schweigen. Sie musste an die Szene im Keller denken. Scheute ihr Onkel die Auseinandersetzung mit Nikolas? Wagte er es nicht, sich gegen ihn zu stellen? War auch er froh, wenn Nikolas wieder auf Reisen wäre? Aber für Jost war es dann zu spät, ihm musste man jetzt helfen.
Sie fasste sich ein Herz.
»Mit Verlaub, Onkel, Jost ist der Einzige, der das Geschäftsgebaren meines Vaters genau kennt. Er war schon immer in diesem Haus«, merkte sie mit bebender Stimme an. »Außerdem seid Ihr der Herr in diesem Haus. Vielleicht wäre es eher in Eurem Sinne, Gnade walten zu lassen.«
Hartwig sah auf. Sein trüber Blick ruhte auf seinem Sohn. »Lasst gut sein, Nikolas. Meine Nichte hat in Einem wahr gesprochen. Ich habe hier das Sagen«, sagte er schleppend.
Henrike seufzte erleichtert. Alles würde gut werden. Das, wozu sie Jost angestiftet hatte, würde nicht solch tiefgreifende Folgen haben. Doch der nächste Satz machte alle Hoffnung zunichte.
»Und ich sage: Jost soll hier verschwinden.«
Damit war Josts Verbleib in diesem Haus beendet. Der Gehilfe schlich hinaus, gebeugt wie ein alter Mann.
~~~
»Ich bin nicht zu jung für diese Reise! Und ich möchte nicht, dass du mich behandelst wie einen kleinen Jungen!«, schimpfte Simon und wich geschickt den Zimmerleuten aus.
Sie trugen Balken zum Holstentor. Das Stadttor wurde erneuert, denn falls Lübeck in einen Krieg zwischen Mecklenburg und Dänemark hineingezogen werden würde, würde es feindlichen Angriffen standhalten müssen. Henrike spähte durch die Toröffnung hindurch und jede Straße hinauf. In jeder freien Minute hatte sie nach Griseus gesucht. Doch niemand schien etwas über den Verbleib des Hundes zu wissen.
Sie wandte sich wieder Simon zu. Ihr Bruder war noch immer wütend auf sie. Henrike konnte es ihm nicht verdenken, wenn sie ehrlich war. Für sie war er ihr kleiner Bruder, den sie beschützen wollte, und vermutlich würde sie ihr ganzes Leben so für ihn empfinden. Aber in der Kaufmannswelt übernahm er als Lehrjunge bereits Verantwortung, musste dafür einstehen, was er tat. Henrike rannte beinahe, um mit ihm Schritt zu halten.
Simon sah sich nach ihr um. »Nicht, dass du bei Jost wieder damit anfängst!«, mahnte er.
»Versprochen!«, gab Henrike sich geschlagen. »Wo sagst du, ist Jost untergekommen?«
Simon mäßigte seine Gangart, Henrike schloss zu ihrem Bruder auf und öffnete nun die Tassel, die Brosche, die ihren Mantel verschloss. Ihr war warm geworden, man spürte langsam, dass die Sonne mehr Kraft bekam.
»Bei Amelius, dem Gehilfen der Kaufmannswitwe Tale von Bardewich aus der Petersgrube. Jost und er kennen sich seit ihrer Lehrzeit. Jost versucht jetzt, eine Anstellung bei einem anderen Kaufmann zu finden.«
Simon und sie hatten am nächsten Tag ihren Onkel noch einmal gebeten, seine Entscheidung rückgängig zu machen. Doch nüchtern war er beinahe noch hartherziger gewesen.
Ein Pulk von Feiernden nahm fast den ganzen Weg ein. Aus Richtung der Hauptstraßen hörten
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