Herbstfraß
Aufschrei lässt mich erschrocken zusammenzucken.
„Also doch der Nolte.“
„Nun bleib friedlich, Tweety. Stefan hat mir lediglich erzählt, dass Ingo von seinem Stiefvater am Freitag von der Schule abgeholt wurde.“
16:01 Uhr
Das Architektenbüro liegt direkt in Hamburgs City. Von Noltes Büro aus hat man einen herrlichen Blick auf die Elbe. Ich möchte gar nicht wissen, was das Büro monatlich an Miete verschlingt. Es ist genauso kühl eingerichtet, wie das Haus in Eißendorf. Klare Linien und steriles Design, wohin man auch schaut. Alles in Waldgrün und Weiß, in Chrom und Glas. Auf einen großzügigen Zeichentisch direkt vor dem Panoramafenster ist ein Grundriss geklemmt und der Schreibtisch ist bis auf zwei säuberliche Stapel Papier, dem unvermeidlichen PC, ein Telefon und einen Stifthalter – kein Blumentopf, sondern ebenfalls Chromdesign – leer. Über unseren überraschenden Besuch ist Herr Nolte nicht gerade begeistert. Erst recht nicht, weil uns seine Sekretärin neugierig hinterher schaut. Widerstrebend winkt er uns zu der grünen Ledergruppe und bietet anstandshalber Kaffee an. Im Gegensatz zu Bo nehme ich das Angebot an. Ich friere wieder und bin dankbar, mich an einer heißen Tasse etwas aufwärmen zu können. Zu meiner Enttäuschung ist die Tasse so winzig, dass sie fast in meiner Hand verschwindet. Natürlich muss das vornehme, hauchdünne Porzellan aus der Meißener Manufaktur stammen. Und ich hatte meine klammen Finger an einem ordentlichen Pott aufwärmen wollen.
„Was führt Sie zu mir?“, fragt Herr Nolte.
„Sie haben Ingo am Freitag von der Schule abgeholt.“ Ich klinge bestimmt etwas anklagend, denn Herr Noltes Augen werden schmaler.
„Ingo absolviert hier ein Praktikum. Nach der Schule arbeitet er an einem Projekt, mit dem ich beauftragt worden bin. Ich halte es für wichtig, dass Ingo bereits jetzt etwas in seinen späteren Job hinein schnuppert.“
„Das haben Sie uns gar nicht erzählt“, sagt Bo.
„Ich hielt das nicht für wichtig und Sie haben mich nicht danach gefragt.“
„Wo ist denn Ingo nach seiner Arbeit hingegangen?“, frage ich und nippe an dem Kaffee. Wenigstens schmeckt die braune Brühe.
„Ingo war gar nicht im Büro.“ Herr Nolte lehnt sich in seinem Sessel zurück und sieht uns beinahe herausfordernd an. „Wir bekamen im Auto Streit und an einer Ampel ist er rausgesprungen.“
„Inzwischen ist es also doch ein Streit und nicht bloß eine kleine Meinungsverschiedenheit? Und worüber haben Sie gestritten?“, erkundigt sich Bo.
Herr Nolte zieht ein genervtes Gesicht. „Über unser übliches Streitthema. Ingo will unbedingt Spieleprogrammierer werden. Sie wissen schon, für irgendwelche Ballerspiele, bei denen Jugendliche zu Gewalttätern werden und an ihrer Schule Amok laufen. Ich dagegen möchte, dass er eines Tages das Büro übernimmt, das sein Vater und ich aufgebaut haben. Hier kann er sein eigener Chef sein, kreativ tätig werden und seine Zukunft wäre gesichert.“
„Sie sind ihm nicht hinterher?“, fragt Bo.
„Sollte ich mein Auto wegen eines pubertierenden Teenagers mitten auf der Kreuzung stehen lassen? Als ich endlich einen Parkplatz gefunden habe, war Ingo verschwunden. Sein iPhone und seinen Rucksack mit den Schulbüchern hat er im Wagen liegen lassen. Ich habe sie mit nach Hause genommen, deshalb konnten Sie die Sachen dort finden.“
Die winzige Tasse ist leer und ich stelle sie vorsichtig auf die zugehörige Untertasse ab.
„Wussten Sie, dass Ingo seit Wochen nicht mehr an dem Informatikkurs teilgenommen hat?“
Herr Nolte zieht ein erstauntes Gesicht. „Nein, das wusste ich nicht. Seltsam … Von diesem Kurs ist Ingo absolut begeistert. Ich hatte immer den Eindruck, er hackt sich lieber die Hand ab, als eine einzige Stunde von dieser Arbeitsgemeinschaft zu verpassen.“
„Auf seinem Notebook habe ich Ort- und Zeitangaben gefunden, als ob er jemanden verfolgen würde. Haben Sie vielleicht eine Ahnung, wer das sein könnte?“
„Verfolgt? Sie glauben, Ingo hat jemanden verfolgt?“ Herr Nolte lacht verächtlich auf. „Reicht es nicht, wenn bereits Sie beide Detektiv spielen? Jetzt soll Ingo ebenfalls hinter jemandem herschnüffeln? Das ist ja lächerlich.“
„Kennen Sie Streng und Züchtig ?“, frage ich, ohne auf die Beleidigung einzugehen.
„Was soll das sein?“
„Ein BDSM-Shop“, erklärt Bo an meiner Stelle.
Herr Nolte braucht eine Sekunde, bevor er kapiert, was Bo meint. „Sie meinen
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