Herbstfraß
dieser ganzen Ausrüstung schwimmen kann. Ein größeres Foto zeigt ihn lachend inmitten seiner Kameraden. Die Verbundenheit zwischen ihnen lässt sich gut erkennen. Mein Tweety scheint sich bei diesen Leuten wirklich sehr wohl gefühlt zu haben. Mir fällt dieser Slogan ein: eine starke Truppe . Genau so wirken sie auf dem Foto.
Ein weiteres Bild zeigt Bo mit einem jungen Mann. Sie haben einander die Arme um die Schultern gelegt und prosten dem Fotografen übermütig mit einer Flasche Bier zu. Ich entdecke kleine Löcher in dem Foto, als hätte es einmal einen Platz an einer Wand innegehabt. Es muss also für Bo eine besondere Bedeutung haben. Mit einem leisen Anflug von Eifersucht schaue ich mir den Fremden näher an. Seine Haare haben einen satten Rotton und er hat die gleiche Traumfigur wie Bo. Die Schultern sind sogar noch etwas breiter als die meines Tweetys. Okay, Bo, diese Augenweide hätte ich ebenfalls nicht von der Bettkante gestoßen. Ein wenig widerstrebend lege ich das Foto beiseite. Das letzte Bild in dem Karton befindet sich in einem Rahmen, dem jemand mit Hilfe von Lackspray ein Tarnfleckenmuster verpasst hat. Bo ist dieses Mal nicht auf dem Foto. Es handelt sich um ein zwangloses Gruppenbild seiner Kameraden, die eher ernst in die Kamera blicken. Alle halten den Daumen nach oben. Sofort fällt mir auf, dass sich der rothaarige Traum nicht unter den Gesichtern befindet. Neugierig suche ich mir das erste Gruppenbild hervor. Hier ist der Rothaarige dabei. Er sitzt direkt neben Bo auf einem umgedrehten Kanu und scheint mit seinem Nebenmann herumzublödeln. Warum ist er auf dem letzten Bild nicht mit drauf, wenn er doch offensichtlich zur gleichen Einheit gehört? War er im Zeitalter des Selbstauslösers vielleicht der Fotograf? Ich zucke mit den Schultern. Der Typ ist mir eigentlich nicht wichtig. Bo ist wichtig. Daher nehme ich den in der Mitte gefalteten Zettel aus dem Karton, der das Schlusslicht von Bos verstaubten Erinnerungen bildet. Es handelt sich um eine Adressenliste. Na prima. Ich freue mich wie ein Schneekönig. Einfacher geht es ja gar nicht.
Kameraden für immer
lautet die Überschrift dieser Liste. Und unten auf der Seite steht:
Einer für alle, alle für einen.
Du liebe Zeit! Halten die sich etwa für die Musketiere? Belustigt überfliege ich die Namen und die dazugehörigen Anschriften und stelle fest, dass in der Nähe von Hamburg ein Patrick Reinhold wohnt. Über die A7 könnte ich in einer Stunde in Neumünster sein und diesen Reinhold mit etwas Glück sprechen. Ich präge mir die Anschrift ein, lege die Fotos – auch das mit dem Rothaarigen – sowie das Abzeichen zusammen mit der Adressenliste in den Karton zurück und flitze ins Büro zu meinem Rechner. Online rufe ich das Telefonverzeichnis von Neumünster auf. Ich finde tatsächlich einen Patrick Reinhold, allerdings steht hinter seinem Namen eine andere Straße, als auf der Adressenliste.
„Du hast ein ganz rotes Gesicht“, sagt Louisa von ihrem Schreibtisch aus. „Du stellst nicht gerade irgendetwas an?“
Frauen können manchmal wirklich scharfsinnig sein. Vor allem, wenn man es überhaupt nicht gebrauchen kann. Also schwindel ich hemmungslos: „Nö.“
Nicht gerade überzeugt sieht sie mich an, unterlässt aber zu meinem Glück weiteres Nachfragen. Es hat mitunter seine Vorteile, wenn man Chef ist. Außerdem muss Louisa nicht unbedingt wissen, dass ich Bo hinterher schnüffle und gerade ein bisschen aufgeregt bin, weil ich eine greifbare Fährte habe. Diesen Patrick rufe ich daher lieber aus der Wohnung an. Unter Louisas verwundertem Blick renne ich die Wendeltreppe wieder hinauf. Gleich darauf werfe ich mich auf das Sofa und greife mir das Telefon. Nach fünfmal Klingeln meldet sich jemand:
„Reinhold.“
„Patrick Reinhold?“, frage ich sicherheitshalber nach.
„Ja.“
„Kennen Sie einen Bo Amundsen?“
Einen Moment lang herrscht am anderen Ende der Leitung bedeutsames Schweigen.
„Wer sind Sie?“, werde ich schließlich gefragt.
„Mein Name ist Robin Berger. Bo und ich sind … Freunde und ich würde Sie gerne treffen, um Ihnen ein paar Fragen zu stellen.“
„Fragen über Bo? Vergessen Sie es.“
„Warten Sie! Bitte legen Sie nicht auf. Es ist wirklich wichtig“, rufe ich hastig, ehe Reinhold das Gespräch vorzeitig beendet.
„Ach ja?“, tönt es aus dem Hörer. „Wieso sollte ich Ihnen etwas über Bo erzählen? Fragen Sie ihn selbst, wenn Sie Freunde sind.“
„Er erzählt mir
Weitere Kostenlose Bücher