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Herbstfraß

Herbstfraß

Titel: Herbstfraß Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Sandra Busch
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liegen lassen, aber er wollte nicht auf uns hören. Eigentlich muss ihm klar gewesen sein, dass Felix diesen Kugelhagel unmöglich überlebt haben konnte.“
    Mir fällt unwillkürlich das Foto mit dem gut aussehenden, jungen Mann ein.
    „War dieser Felix rothaarig?“
    Patrick nickt überrascht. „Richtig. Er und Bo waren die Jüngsten in unserer Einheit und hingen ständig zusammen ab. Als Sie vorhin am Telefon sagten, Bo sei schwul, konnte ich auf einmal verstehen, wieso er damals jeden Befehl zur Umkehr verweigert hatte.“
    „Sie glauben, Bo war in diesen Felix verliebt?“
    Patrick trinkt sein Bier aus, nickt erneut und zuckt gleichzeitig mit den Schultern.
    „Er hat sich nie etwas anmerken lassen. Wenn man allerdings so manche Dinge im Nachhinein aus einer anderen Perspektive betrachtet … Ja, ich denke schon. Muss hart für ihn gewesen sein, denn Felix war verlobt.“
    Das ist starker Tobak und daran habe ich direkt zu knabbern. Himmel! Ich bin eifersüchtig auf einen toten Soldaten. Eigentlich sollte ich mich schämen.
    „Ich gehe davon aus, dass Bos Befehlsverweigerung Folgen hatte?“, frage ich und Patrick nickt.
    „Schwerwiegende Folgen. Er ist geschnappt worden. Die Rebellen schossen ihm ins Bein und schleppten ihn in ihr Feldlager. Zu seinem Glück wollten sie Informationen über unsere Basis, unsere Truppenstärken und vor allem über die Waffenlager, sonst hätten sie ihn gleich umgebracht. Stattdessen schlugen sie ihn zusammen und er wurde die Nacht über mit Stromschlägen gefoltert. Erst am frühen Morgen konnten wir Bo mithilfe eines Ablenkungsmanövers und einigen brennenden Benzinfässern aus ihrem Lager herausholen. Dabei haben wir eine Menge Federn gelassen. Zum Glück ist niemand ernsthaft verletzt worden. Bo dagegen war fix und fertig. Physisch als auch psychisch. Sie hatten ihn während der Folter mit dem Rücken an Felix ’ Leiche festgebunden. – Noch ein Bier?“
    „Nein, danke.“ Mir ist gar nicht aufgefallen, dass ich meine Flasche bereits ausgetrunken habe.
    „Bo wurde ausgeflogen und musste eine Weile in einer Klinik liegen, bis seine Verletzungen verheilt waren. Solange ist er von einer ganzen Schar Psychiater behandelt worden. Aber als er entlassen wurde, wollte er nicht in die Einheit zurück, sondern nahm seinen Abschied von der Bundeswehr. Mehr kann ich Ihnen dazu nicht sagen, Robin.“
    „Das hätte er mir doch erzählen können.“ Ich bin ernsthaft gekränkt. Patrick scheint dies zu bemerken.
    „Nehmen Sie es Bo nicht übel, dass er sich über den Einsatz ausschweigt. Keiner von uns erzählt seiner Familie von irgendwelchen Einsätzen. Solange man es nicht selbst erlebt hat, bekommt man kein Verständnis für die Euphorie, die einen erfasst, sobald man einen anderen Menschen tötet. Ein Außenstehender kann das Gefühl der Macht, über Leben und Tod bestimmen zu können, nicht nachvollziehen. Oder die Empfindungen teilen, wenn einem im Kugelregen der Angstschweiß übers Gesicht läuft und man sich beim nächsten Granateneinschlag fast in die Hosen scheißt. Es reicht, dass der Film ständig vor dem eigenen inneren Auge abläuft, obwohl man ihn zu vergessen versucht.“
    „Sie werden beim Töten euphorisch?“, frage ich schockiert.
    Patrick grinst verlegen. „Jetzt sind Sie entsetzt, nicht wahr? In so einem Einsatz heißt es, Sie oder der Feind. Glauben Sie mir, Sie würden sich auch freuen, wenn es der Feind ist, der umkommt. Sie schweben ganz oben auf Ihrer Glückswolke, sind mit Adrenalin bis zum Platzen vollgepumpt und kommen sich allmächtig vor. Deshalb gehen viele der Jungs nach einem Kampfeinsatz zu den Nutten und feiern. Die müssen Dampf ablassen und emotional runterkommen, um das Erlebte verarbeiten zu können. Im Prinzip sind wir alle Adrenalinjunkies.“
    „Und Bo war genauso?“ Ich kann es gar nicht glauben. Das passt überhaupt nicht in das Bild, das ich von meinem Tweety habe.
    „Streichen Sie die Nutten und dann trifft es ebenfalls auf Bo zu. Der ist nach einem Einsatz stundenlang geschwommen oder gelaufen, je nachdem was möglich war. Bis zu diesem Tag, an dem Felix starb, war die Kampfschwimmereinheit für Bo lediglich ein großes Abenteuer. Er war der Erste, der Hier! schrie, wenn etwas anlag. Zu den Nutten wollte er nie mit. Angeblich hatte er Angst sich irgendeine scheußliche Krankheit einzufangen. Wir haben ihm das abgenommen, da in Afghanistan nicht an jedem Baum und an jeder Felsnase ein Kondomautomat mit der Aufschrift: Ein

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