Herbstfraß
sofort.“ Ergeben seufze ich.
„Als Entschädigung für das Verhökern und den Schreck eben“, sagt Louisa mit einem so süßen Lächeln, dass Honig neidisch werden könnte.
„Jaja.“ Ich beobachte, wie Oliver ihr gentlemanlike in den Mantel hilft und danach seine Waffe einsteckt.
„Passen Sie auf Isa auf und fahren Sie vorsichtig. Keine Artischocken. Isa ist allergisch auf Artischocken. Und wenn sich Isa nicht zunächst um 19.00 Uhr bei mir meldet und später ein weiteres Mal, wenn sie zu Hause ist, dann zeige ich Ihnen meine Waffe, klar?“
„Klar“, sagt Oliver total ernst und ich weiß, dass ich wie ein Idiot klinge. Allerdings ist das meine Louisa und die ist gerade erst an ein Schwein namens Torben geraten. Dieses Mal möchte nicht ich höchstpersönlich jemanden zu einem Schnitzel verarbeiten. Schon gar nicht jemanden, den ich ebenfalls nicht von meinem Schoß geschubst hätte.
„Du führst dich wie mein Vati auf“, sagt Louisa, aber ich weiß ihr Abschiedsküsschen auf meine Wange durchaus zu interpretieren. Ich habe sie ja auch lieb.
17:20 Uhr
Mit einer braunen Papiertüte und zwei Pappbechern in der Hand lässt er sich neben dem Opfer auf dem Boden nieder. Im Schein der Campinglampe ist die Angst in dem schmutzigen Gesicht deutlich zu erkennen.
„Ich habe dir ein paar Burger mitgebracht. Iss, solange sie warm sind. Und Kaffee. Heißen Kaffee. Du möchtest dich doch ein bisschen aufwärmen, nicht wahr?“
Er hält dem Jungen einen der Pappbecher mit Plastikdeckel entgegen. Mit zitternden Händen nimmt der den Becher an und klammert sich regelrecht an die Wärme, die davon ausgeht. Gestern hat er eine zweite Decke bekommen, denn es ist deutlich kälter geworden. Nachts sinkt die Temperatur bereits unter den Gefrierpunkt. Rambo betrachtet die unförmig geschwollenen Füße seines Mitspielers, die entzündet aus der Decke ragen. Sein Werk. Darauf kann er stolz sein.
An seiner Seite siegt der Hunger über die Angst. Der Junge zieht einen der Burger hervor und beginnt hastig zu essen. Zwischendurch trinkt er immer wieder einen Schluck von dem Kaffee. Auch Rambo nippt an seinem eigenen Becher. Er genießt das gemütliche Beisammensein und das einvernehmliche Schweigen. Das ist beinahe wie ein Picknick. Von der Seite her schaut er den Jungen an. Einen Moment lang stockt dessen Kauen und er erwidert seinen Blick mit ängstlicher Vorsicht.
„Schmeckt es?“, fragt Rambo freundlich. Sein Mitspieler nickt schüchtern. Rambo lehnt sich gemütlich gegen die glatte Betonwand, während der Junge hungrig die Burger verschlingt. Er wird ihm diese Frage später erneut stellen. Wenn sein wunderbares Spielzeug seine eigene Nase isst. Erwartungsvoll fahren Rambos Finger über das Master Cutlery, das in einer Lederscheide am Gürtel hängt.
17:43 Uhr
Ich sitze an meinem Arbeitsplatz und male sinnlose Muster auf ein Schmierpapier. Louisa und Oliver sind seit etwa einer knappen Stunde auf und davon und schlagen sich sicherlich gerade die Bäuche mit irgendwelchen Köstlichkeiten voll. Das fällt sicherlich nicht unter die Rubrik Geschäftsessen, oder? Hoffentlich amüsieren sie sich. Mir selbst ist eher zum Heulen zumute. Ich zeichne deswegen ein traurig dreinschauendes Smiley mitten in meine seltsamen Muster. Als Bo die Treppe herabsteigt, sehe ich sofort alarmiert auf. Er trägt seine frisch gereinigte Holzfällerjacke und wirft mir meinen braunen Wollmantel zu, den er absolut nicht leiden kann. Somit passen der Mantel und meine Person im Augenblick perfekt zusammen.
„Zieh dich an. Wir fahren zum Bahnhof.“
Folgsam erhebe ich mich.
„Ich brauche einen Schal“, sage ich und will schon an ihm vorbei die Treppe hinauf, als Bo erklärt: „Der steckt im Ärmel.“
Ich sehe nach. Und richtig, der Schal steckt. Ein karierter, spießiger Schal, den ich vor fünf Jahren von einer Tante geschenkt bekam. Die Frage nach dem kuschligen Kaschmirschal, den er mir zum letzten Weihnachtsfest gekauft hat, verkneife ich mir. Sowohl der Mantel als auch der hässliche Schal sind Absicht. Bos kleine Rache oder eben seine Art Zahnpasta gegen einen Spiegel zu spucken. Im Stillen beschließe ich, den Mantel unverzüglich nach unserer Rückkehr in die Altkleidersammlung zu geben. Und der karierte Halswürger würde diesem Schicksal folgen. Sorry, Tante Emmy, aber ich bin weder Sechzig noch Spießer. Er passt schlichtweg nicht zu mir. Schweigend kleide ich mich in die geschmacklosen Klamotten und folge Bo
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