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Herbstfraß

Herbstfraß

Titel: Herbstfraß Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Sandra Busch
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nach draußen. Natürlich geht er direkt auf seinen Wolf zu.
    „Können wir nicht den BMW nehmen? Der hat wenigstens eine Heizung.“ Mir ist bereits jetzt kalt und außerdem beginnt es zu regnen. Bo reagiert gar nicht auf meinen Einwand und so habe ich keine andere Wahl, als meinen Platz auf dem Beifahrersitz seines Wagens einzunehmen und wieder einmal erfolglos an der Heizung herumzuschrauben. Bo fädelt sich in den Verkehr ein.
    „Können wir reden?“, frage ich und vergrabe meine Hände in den Manteltaschen. Allmählich halte ich die Situation nicht mehr aus. Außerdem rückt der Abend näher und ich möchte nicht erneut alleine in unserem Bett liegen.
    „Wenn es um Ingo geht, dann ja.“
    „Selbstverständlich will ich nicht über Ingo reden, sondern …“
    „Mir ist durchaus bewusst, worüber du reden willst, Robin. Im Moment interessieren mich deine Erklärungsversuche bloß nicht.“
    Herrje, das ist deutlich.
    „Es war falsch.“
    „Richtig.“
    „Ich habe bloß geschnüffelt, weil ich dich liebe.“
    Bo schnaubt verächtlich. „Es ist ja sooo bequem, alles auf dieses eine magische Wort schieben zu wollen. Wenn dem tatsächlich so wäre, hättest du meinen Wunsch respektiert und die Bundeswehr aus deinem Gedächtnis gestrichen.“
    „Ich kann nichts dafür. Wenn ich liebe, funktioniere ich nicht normal.“
    Bo brummelt etwas, das wie weit entfernt von jeglicher Normalität klingt.
    „Es tut mir leid. Ehrlich.“
    „Das ist das Mindeste.“ Bo wirft mir einen kurzen Blick zu.
    „Wie bist du auf Patrick gekommen?“, fragt er.
    „Sag ich nicht.“ Denn in diesem Fall kann ich mir gleich selbst die Schlinge um den Hals legen.
    „Robin!“ Kasernenton. Weit übler als der von Patrick Reinhold. Hier will ich nicht nur strammstehen, sondern zusätzlich salutieren.
    „Schuhkarton“, flüstere ich und füge ergänzend hinzu: „Dachboden.“
    „Du ….“ Der Rest geht in einem wütenden Knurren unter. Die Finger, die sich um das Lenkrad krampfen, sprechen allerdings Bände. Ich werde auf dem Beifahrersitz immer kleiner. Sollte ich jemals aus dieser verflixten Nummer herauskommen, werde ich wohl den Rest meines Lebens lang kleine Brötchen backen müssen.
    „Und? Bist du endlich zufrieden, du neugieriges Frettchen?“
    Ich glaube, Bo erwartet nicht ernsthaft eine Antwort und deshalb antworte ich auch nicht. Eine Zeitlang fahren wir schweigend weiter. Erst als Bo an einer Ampel halten muss, sieht er mich an.
    „Weißt du eigentlich, wie weh das tut, dass gerade du mich hintergehst?“
    Ich nage an meinem Daumennagel, betrachte eindringlich meine Knie und fühle mich schrecklich elend. Im Nachhinein frage ich mich wirklich, warum ich derartig wissbegierig hatte sein müssen. Warum ich unsere Beziehung so leichtfertig aufs Spiel gesetzt habe. Wahrscheinlich bin ich einfach dämlich. Bo seufzt leise. Da es nicht mehr wütend, sondern eher resignierend klingt, schaue ich vorsichtig auf. Die Ampel schaltet auf Grün und Bo gibt Gas.
    „Ziehst du nun aus?“, stelle ich bang die Frage, die mich bereits die ganze Zeit zutiefst beschäftigt.
    „Nein.“
    Erleichtert atme ich auf. Bo muss das gehört haben, denn er fügt sofort hinzu: „Trotzdem bin ich stinksauer auf dich.“
    Okay, solange er mich nicht verlässt.
    „Wie kann ich meinen Fehler wieder gut machen?“ Am liebsten hätte ich Bo in die Arme genommen und tausend sanfte Küsse auf seine Haut gehaucht, um mich zu entschuldigen. Leider sitzt er gerade am Steuer und außerdem presst er seine sonst so weichen Lippen fest aufeinander. Er sieht nicht aus, als wollte er geküsst werden und schon gar nicht von mir.
    „Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung“, beantwortet er meine Frage und fährt rückwärts in eine Parklücke. Wir sind am Bahnhof angelangt. Einen Moment sitzen wir schweigend da und starren in den Regen hinaus. Schließlich drückt mir Bo eine Kopie von Ingos Foto in die Hand.
    „Unsere Differenzen können warten. Im Augenblick hat Ingo höchste Priorität. Wir gehen jetzt da rein und erkundigen uns nach dem verlorenen Sohn. Vielleicht hat ihn jemand gesehen. Verdammt, wir müssen doch endlich mal auf eine Spur stoßen.“
    Der Meinung bin ich ebenfalls. Also ziehe ich den Schal enger um den Hals und stelle mich dem Regen und dem kalten Wind.
     
     
    18:21 Uhr
    Vom Parkplatz bis zum Bahnhofsgebäude ist es nicht weit, dennoch hat sich mein Wollmantel auf dem kurzen Weg dorthin mit Regenwasser vollgesogen. Inzwischen stehe ich

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