Herbstfraß
im Erdgeschoss der Wandelhalle auf der Nordseite des Bahnhofs und schaue mich ein wenig ratlos um. Rechts von mir zieht sich eine Ladenzeile die Halle entlang und auf der anderen Seite liegt die Gourmet-Station. Ich befinde mich direkt vor Douglas , wo soeben eine Werbeaktion läuft und eine Verkäuferin wie wild Parfum in die Luft sprüht. Der süßliche Geruch verklebt mir im Nu die Nase und schnell rette ich mich vor das Schaufenster der Photo Dose , ehe ich einen nasalen Kollaps erleide. Unschlüssig stehe ich in meinem hässlichen Mantel da. Wo soll ich mit meinen Ermittlungen anfangen?
Bo ist bereits auf dem Weg zu den Toiletten, die beim Zugang zu den Gleisen 13 und 14 liegen. Er hofft dort auf ein paar Stricher, Junkies oder Punks zu treffen, eben Leute, die sich ständig auf dem Bahnhofsgelände aufhalten. Ich entscheide mich endlich für die Gourmet-Station, genauer gesagt für coffee & more . Meine Füße und die Hände sind eiskaltund aus meinen Haaren tropft es auf den nassen Mantel. Erst einmal ist Aufwärmen angesagt.
„Einen Milchkaffee, bitte“, bestelle ich und beobachte, wie die Verkäuferin einen Pappbecher unter ihren Kaffeeautomaten stellt. Während sie abkassiert, lege ich ihr Ingos Foto auf den Tresen.
„Haben Sie den Jungen eventuell irgendwann einmal gesehen?“, frage ich. Zunächst schaut sie sich das Bild flüchtig an, nimmt es dann aber in die Hand, um es gründlicher zu betrachten.
„Was hat der denn angestellt?“
„Soweit ich weiß, nichts. Seine Eltern suchen ihn. Ingo ist seit letztem Freitag verschwunden. Vermutlich hat er sich hier am Bahnhof herumgetrieben.“
Sie schiebt mir das Foto zu und holt meinen Milchkaffee.
„Der war tatsächlich bei mir.“
Was denn? Ich habe gleich einen Treffer? So ein Glück kann ich gar nicht fassen.
„Können Sie sich vielleicht daran erinnern, wann das war?“
Die Verkäuferin schiebt sich eine Haarsträhne aus der Stirn und überlegt. „Freitag, glaube ich. Kann auch am Donnerstag gewesen sein.“
„Und warum erinnern Sie sich so gut an ihn?“
„Er hatte irgendetwas bestellt und wollte gerade bezahlen. Da muss er einen Bekannten entdeckt haben und wurde hektisch. Er verteilte sein ganzes Kleingeld über den Tresen und ist fortgelaufen, ohne es einzusammeln.“
„Können Sie mir den Bekannten beschreiben?“
Zu meinem Bedauern schüttelt die Verkäuferin den Kopf und deutet auf die zahlreichen Passanten, die sich in der Wandelhalle gegenseitig auf die Füße treten.
„Sie merken ja selbst, was los ist. Es hätte jeder Vorbeigehende sein können.“
Ich bedanke mich, klemme mir das Foto unter den Arm, nehme den Milchkaffee mit beiden Händen und mache mich auf den Weg, um einen Shop nach dem anderen abzuklappern. Zwischen Schuhen, Teddybären, Bodycreme und Modeschmuck schütteln Angestellte die Köpfe, als ich ihnen das Foto zeige und nach Ingo frage. Einen zweiten Erfolg erziele ich beim Blumenladen. Die Floristin kann sich an Ingo erinnern, weil der eine Zeit lang um die ausgestellten Sträuße herumgelaufen ist und doch nichts kaufte.
„Das muss gegen 15:00 Uhr gewesen sein“, sagt sie zu mir. „Der hat überhaupt nicht darauf geachtet, wo er entlang läuft. Ich dachte schon, er stößt mir die Töpfe mit den Gebinden um.“
„Das war am Donnerstag?“ erkundige ich mich.
„Nein, es war am Freitag. Am Mittwoch und am Donnerstag hatte ich frei. Überstunden abbummeln, wissen Sie?“
Mister Minit schräg gegenüber des Blumenladens kann sich ebenfalls an Ingo erinnern.
„Ich habe ihn erst für einen Stricher gehalten“, erklärt der Handwerker gemächlich und klebt eine Gummisohle an einen Herrenschuh. „So, wie er sich bei den Schließfächern herumdrückte. Wie einer, der auf einen Freier aus ist. Davon laufen auf dem Bahnhofsgelände ja genug herum. Ihr Junge jedenfalls starrte einem Herrn in einem langen Mantel Löcher in den Rücken.“
„Können Sie mir mehr über den Mann sagen?“
Der Handwerker zuckt mit den Schultern. „Einen dunklen Mantel hatte er an. Graue Haare. Er muss also älter gewesen sein. Von vorn gesehen habe ich ihn nicht.“
„Und was hat der gewollt?“
„Der hat die jungen Leute angesprochen. Deswegen habe ich den Jungen für einen Stricher gehalten. Dann kam Kundschaft und ich habe sie nicht weiter beachtet.“
Ich bedanke mich, trinke den letzten kalten Schluck Milchkaffee und versenke den Becher in einen Abfalleimer. 19:00 Uhr ist durch, wie ich mit einem Blick auf
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