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Herr des Chaos

Herr des Chaos

Titel: Herr des Chaos Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Robert Jordan
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waren in Wirklichkeit noch unentschlossen und hielten seine Abgesandten mit durchsichtigen Ausreden hin. Er vermutete, sie hätten ebensowenig Ahnung, was sie tun sollten, wie er selbst.
    An der Oberfläche schien sich im Augenblick alles für al'Thor günstig zu entwickeln, abgesehen von dem, was ihn in Caemlyn festhielt, aber Niall war schon immer am gefährlichsten gewesen, wenn er mit dem Rücken zur Wand stand.
    Falls man den Gerüchten Glauben schenken konnte, leistete Carridin in Altara und Murandy gute Arbeit, wenn er auch nicht so schnell vorankam, wie es Niall lieb gewesen wäre. Die Zeit war ebenso sein Feind wie al'Thor oder die Weiße Burg. Vielleicht wurde es Zeit, Gerüchte über die ›Drachenverschworenen‹ in Andor zu verbreiten. Möglicherweise auch in Illian. Wenn allerdings das Heer, das sich in Tear sammelte, noch nicht ausreichte, um Mattin Stepaneos auf seine Seite zu bringen, würden Überfälle auf ein paar Bauernhöfe und Dörfer auch nicht viel bewirken. Die Stärke dieses Heeres erschreckte Niall; und sei es auch nur halb so stark wie Balwer berichtete, oder auch nur ein Viertel, würde es ihn immer noch erschrecken. So etwas hatte die Welt seit den Tagen Artur Falkenflügels nicht mehr erlebt. Es konnte auch geschehen, daß ein solches Heer die Menschen nicht dazu brachte, sich aus Angst Niall anzuschließen, sondern statt dessen unter dem Drachenbanner mitzumarschieren. Hätte er nur ein Jahr, ein halbes Jahr mehr Zeit, dann wollte er mit al'Thors gesamtem Heer aus Narren und Schurken und Aielwilden fertig werden.
    Natürlich war keineswegs alles verloren. Nichts war jemals verloren, solange man am Leben war. Tarabon und Arad Doman waren für al'Thor und die Hexen genauso wertlos wie für ihn, zwei Schlangengruben, und nur ein Narr würde die Hand dort hineinstecken, bevor sich die Schlangen nicht gegenseitig umgebracht hatten. Falls Saldaea für ihn verloren war, was er im Augenblick noch keineswegs als sicher annahm, dann schwankten Schienar und Arafel und Kandor noch immer, und ein kleiner Stoß konnte sie aus dem Gleichgewicht bringen. Falls Mattin Stepaneos zwei Pferde gleichzeitig reiten wollte, und das hatte ihm immer schon gefallen, mußte man ihn eben zwingen, sich für das richtige zu entscheiden. Altara und Murandy würde man schon auf die richtige Seite schubsen, während Andor sich ohnehin gegen seine Hand zur Wehr setzen würde, ob er nun der Meinung war, es sei am besten, ihnen Carridins Peitsche zu spüren zu geben, oder nicht. In Tear hatten Balwers Agenten Tedosian und Estanda dazu bewegt, sich Darlin anzuschließen und aus dem vorher gezeigten Trotz eine wirkliche Rebellion zu machen, und der Mann war sicher, in Cairhien und in Andor das gleiche anzetteln zu können. Noch ein Monat oder höchstens zwei, dann war Eamon Valda von Tar Valon zurück. Niall wäre auch ohne Valda ausgekommen, aber so hatte er die große Mehrheit der Streitkräfte der Kinder an einem Fleck versammelt und konnte sie einsetzen, wo sie am meisten auszurichten imstande waren.
    Ja, eine ganze Menge sprach durchaus für ihn. Nichts Bestimmtes vielleicht, aber es hatte sich doch einiges herauskristallisiert. Zeit war alles, was er benötigte.
    Ihm wurde bewußt, daß er nach wie vor die Hülse in der Hand hielt. So brach er das Wachssiegel mit einem Daumennagel auf und holte vorsichtig die dünne Papierrolle aus dem Inneren hervor.
    Balwer sagte nichts dazu und preßte lediglich die Lippen erneut aufeinander, doch diesmal war es nicht als Lächeln gemeint. Mit Omerna kam er zurecht, da er den Mann als den Narren kannte, der er nun einmal war, und weil er es ohnehin vorzog, selbst im verborgenen zu arbeiten; aber es paßte ihm nicht, wenn Niall Berichte erhielt, die er nicht zuvor gesehen hatte, und das von Männern, die er nicht kannte.
    Eine winzige Kritzelschrift bedeckte den Zettel, und zwar in einem Code geschrieben, den nur wenige kannten und außer Niall niemand hier in Amador. Ihm fiel es genauso leicht, das zu lesen, wie seine eigene Handschrift. Das Zeichen am Ende allerdings ließ ihn doch die Augen aufreißen, ebenso wie der Inhalt. Varadin war einer der besten unter seinen persönlichen Agenten, oder war es gewesen, ein Teppichhändler, der ihm bereits während der ›Unruhen‹ gute Dienste geleistet hatte, als er seine Waren in Altara, Murandy und Illian verkauft hatte. Was er dabei verdient hatte, ermöglichte es ihm, sich als reicher Händler in Tanchico niederzulassen, wo er

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