Herr des Chaos
regelmäßig kostbare Teppiche und Weine an die Paläste des Königs und des Panarchen lieferte und den meisten Adligen des Hofstaats, und immer hielt er dort die Augen und Ohren weit offen. Niall hatte geglaubt, er sei längst bei dem Aufruhr in Tanchio ums Leben gekommen. Nun erhielt er die erste Nachricht von dem Mann seit einem Jahr. Dem Inhalt seiner Botschaft nach zu urteilen, wäre Varadin allerdings besser bereits ein Jahr lang tot gewesen. In der krakeligen Schrift eines Mannes am Rande des Irrsinns faselte er wilde Dinge von Männern, die auf fremdartigen Kreaturen ritten, von fliegenden Geschöpfen, von Aes Sedai an der Leine und von der Hailene. In der Alten Sprache bedeutete das soviel wie ›Vorfahren‹, aber Varadin bemühte sich nicht einmal, zu erklären, wieso er sich davor fürchtete oder was das alles eigentlich bedeuten sollte. Offensichtlich hatte das Gehirn des Mannes darunter gelitten, daß er zusehen mußte, wie sein Land um ihn herum im Chaos versank.
Verärgert zerknüllte Niall den Zettel und warf ihn weg. »Zuerst muß ich mir Omernas idiotische Berichte anhören, und nun dies. Was habt Ihr noch für mich, Balwer?« Bashere! Die Lage könnte sich sehr unangenehm entwickeln, wenn Bashere al'Thors Heer führte. Der Mann hatte sich seinen Ruf ehrlich verdient. Ein Dolch im Schatten für ihn?
Balwers Blick lag unbeirrt auf Nialls Gesicht, aber Niall war klar, daß dieses winzige Papierknäuel auf dem Boden in den Händen des Mannes landen würde, wenn er es nicht verbrannte. »Vier Dinge, die von Bedeutung sein könnten, mein Lord. Das letzte zuerst: Die Gerüchte über die Treffen von Abgesandten der Ogier-Stedding entsprechen der Wahrheit. Für Ogier scheinen sie sich entschieden hastig zu verhalten.« Natürlich sagte er nicht, worüber die Ogier miteinander berieten, denn es war genauso unmöglich, einen Menschen in einen Ogierstumpf zu bringen, wie einen Ogier als Spion zu gewinnen. Es wäre leichter, die Sonne dazu zu bringen, bei Nacht aufzugehen. »Außerdem befindet sich eine außergewöhnliche Anzahl von Schiffen des Meervolks in den Hafenstädten im Süden. Sie nehmen keine Ladung an Bord und sie segeln auch nicht weiter.«
»Worauf warten sie?«
Einen Moment lang spannten sich Balwers Lippen, als habe ein unsichtbarer Marionettenspieler die Drähte angezogen. »Ich weiß es noch nicht, mein Lord.« Balwer hatte es noch nie gepaßt, zugeben zu müssen, daß er irgendwelche menschlichen Geheimnisse nicht herausbekommen konnte. Doch wenn man versuchte, mehr als nur die Vorgänge an der Oberfläche bei den Atha'an Miere herauszufinden, war das, als wolle man von der Gilde der Feuerwerker erfahren, wie man Feuerwerkskörper anfertigt. Vergebliche Liebesmüh. Wenigstens würden die Ogier irgendwann bekanntmachen, was sie auf ihren Zusammenkünften beschlossen hatten.
»Fahrt fort.«
»Die weniger wichtige Neuigkeit ist dafür ... eigenartig, mein Lord. Es gibt verläßliche Berichte, daß al'Thor in Caemlyn, in Tear und in Cairhien gesehen wurde, manchmal sogar am gleichen Tag.«
»Verläßlich? Verläßlicher Wahnsinn! Die Hexen verfügen wahrscheinlich über zwei oder drei Männer, die wie al'Thor aussehen, jedenfalls ähnlich genug, um jeden zu täuschen, der ihn nicht kennt. Das würde eine Menge erklären.«
»Vielleicht, mein Lord. Aber meine Informanten sind verläßlich.«
Niall klappte die Ledermappe zu und verbarg auf diese Weise al'Thors Gesicht. »Und die interessanteste Neuigkeit?«
»Sie stammt aus zwei Quellen in Altara - zuverlässigen Quellen, mein Lord - und sie besagt, daß die Hexen in Salidar behaupten, die Roten Ajah hätten Logain dazu gebracht, den falschen Drachen zu spielen. Sie hätten ihn beinahe selbst erschaffen. Sie haben Logain in Salidar -oder einen Mann, von dem sie behaupten, er sei Logain -und führen ihn Adligen vor, die sie dorthin bringen. Ich habe keinen Beweis, aber ich vermute, sie erzählen allen Herrschern, mit denen sie Verbindung aufnehmen, die gleiche Geschichte.«
Mit gerunzelter Stirn betrachtete Niall die Flaggen in den Nischen des Raums. Es waren die Banner von Feinden aus beinahe jedem Land. Niemand hatte ihn je zum zweiten Mal besiegt und nur wenige überhaupt einmal. Jetzt waren die Flaggen alle gezeichnet vom Alter. Wie er. Doch er war noch nicht zu alt, um nicht dafür zu sorgen, daß zu Ende geführt wurde, was er begonnen hatte. Jede Flagge war in einer blutigen Schlacht errungen worden, wo man nie wußte, was
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