Herr des Chaos
ein wenig, und sein Tonfall wurde um einiges härter: »Die Töchter hier werden mich begleiten. Jede, die allerdings ein Kleid anziehen und die Kupplerin spielen möchte, bleibt zurück.«
Enaila und Jaiani wurden plötzlich steif und wirbelten dann zu ihm herum. Empörung blitzte aus ihren Augen. Nur gut, daß Somara heute keinen Dienst hatte; sie wäre möglicherweise trotzdem weitermarschiert. Sulins Finger zuckten und gaben den anderen Zeichen in der Fingersprache der Töchter. Was sie ihnen mitteilte, beruhigte wohl ihre Empörung und ließ statt dessen die Schamröte auf die Wangen der beiden Töchter treten. Die Aiel hatten alle Arten von Handsignalen entwickelt, weil es gelegentlich besser war zu schweigen. Jeder Clan hatte eine eigene Fingersprache, genau wie jede Kriegergemeinschaft, und daneben gab es noch Zeichen, die alle Aiel kannten. Doch nur die Töchter hatten daraus eine regelrechte Sprache entwickelt.
Rand wartete nicht, bis Sulin fertig war, sondern wandte sich vom Garten ab. Diese Aes Sedai würden möglicherweise Caemlyn genauso schnell verlassen, wie sie angekommen waren. Er blickte sich um. Aviendha betrachtete noch immer das Wasser und hatte ihn wohl offensichtlich nicht bemerkt. Er beschleunigte seine Schritte. »Bashere, würdet Ihr bitte einen Eurer Männer schicken, um Pferde zu satteln? Am Südtor bei den Stallungen.« Das Haupttor des Palastes führte auf den Platz der Königin, der gewiß wieder voll von Menschen war, die hofften, einen Blick auf ihn zu erhäschen. Er hätte eine halbe Stunde gebraucht, um ihnen zu entkommen - mit etwas Glück jedenfalls. Bashere gestikulierte kurz, und einer der jüngeren Soldaten aus Saldaea eilte mit dem leicht rollenden Gang eines Mannes voran, der daran gewöhnt ist, im Sattel zu sitzen. »Ein Mann muß wissen, wann er sich vor einer Frau zurückziehen sollte«, sagte Bashere ins Leere hinein, »aber einem weisen Mann ist bewußt, daß er sich ihr manchmal eben doch stellen muß.«
»Junge Männer«, bemerkte Bael ungnädig. »Ein junger Mann jagt nach Schatten und rennt vor dem Mondschein davon, und am Ende sticht er sich mit dem eigenen Speer in den Fuß.« Ein paar der anderen Aiel schmunzelten, sowohl Töchter als auch Mitglieder der Messerhände. Jedenfalls die älteren.
Gereizt blickte sich Rand noch einmal um. »Keiner von Euch würde ein Kleid gut stehen.« Überraschenderweise lachten nun die Töchter und die Messerhände wieder, und diesmal lauter. Vielleicht bekam er den Humor der Aiel doch langsam in den Griff.
Alles war wie erwartet, als er aus dem Südtor bei den Stallungen in die gewundenen Straßen der Innenstadt ritt. Jeade'ens Hufe klapperten laut auf den Pflastersteinen, als der Hengst tänzelte; in letzter Zeit war der Apfelschimmel ziemlich selten aus dem Stall geholt worden. Es waren recht viele Menschen zu sehen, aber lange nicht so viele, wie er auf der anderen Seite des Palastes erwartet hätte, und sie gingen alle ihren eigenen Beschäftigungen nach. Trotzdem wurde natürlich mit Fingern auf ihn gezeigt, und die Leute steckten die Köpfe zusammen. Einige mochten Bashere erkannt haben, der sich im Gegensatz zu Rand oft in der Stadt aufgehalten hatte, aber jeder, der vom Palast her kam und noch dazu eine Eskorte Aiel bei sich hatte, mußte wichtig sein. Das Tuscheln und die ausgestreckten Finger folgten ihm durch die Stadt.
Obwohl er angestarrt wurde, hatte Rand noch einen Blick für die Schönheiten der von Ogiern erbauten Innenstadt. Die wenigen Gelegenheiten, die er noch fand, um etwas zu genießen, waren für ihn ungeheuer wertvoll. Die Straßen verliefen in weiten Bögen von dem im Sonnenschein weiß schimmernden Königlichen Palast und paßten sich den Konturen der Hügel an, als seien sie ein Teil des Landes. Überall ragten schlanke Türmchen auf, die mit bunten Kacheln geschmückt waren, oder goldene, purpurfarbene oder weiße Kuppeln, die unter der Sonne gleißten. Hier war eine Lücke in der Bebauung gelassen worden, um den Blick auf einen baumbestandenen Park freizugeben, und dort lenkte eine Anhöhe den Blick nach oben über die Stadt zu der welligen Ebene und den Wäldern jenseits der hohen, silber gefleckten, weißen Mauer, die ganz Caemlyn umschloß. Die Plätze und Parks waren angelegt worden, um das Auge zu erfreuen und zu beruhigen. Der Aussage der Ogier nach hatten nur Tar Valon und das legendäre Manetheren diese Stadt jemals übertroffen, und viele Menschen, besonders die Andoraner, glaubten,
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