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Highland-Saga 04 - Dolch und Lilie

Highland-Saga 04 - Dolch und Lilie

Titel: Highland-Saga 04 - Dolch und Lilie Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Sonia Marmen
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streckte in der Hoffnung, ein imaginärer Talisman würde herabfallen, der seinem Leben eine Richtung gab, die offenen Hände gen Himmel …
    Plötzlich spürte er etwas Hartes, Kaltes. Ungläubig schlug er die Augen auf und starrte die Whiskyflasche in seiner Hand an. Mit einem Mal war sein Traum, seine Hoffnung verflogen. Mit einem Mal fühlte er sich verbittert. Sollte das wirklich sein Leben sein?
     
    »Woran denkst du?«, fragte Tsorihia leise.
    »Eine Kindheitserinnerung«, flüsterte er und rieb seine Wange an ihrer. »Und du?«
    »Eine Kindheitserinnerung!«, rief sie in spöttischem Ton aus.
    Dann wurde sie wieder ernst und erzählte.
    »Ich weiß nur noch wenig von meinem Leben vor der Entführung. Eigentlich sind es nur verschwommene Bilder aus meiner frühesten Kindheit, wie die Schemen, die man auf der Wasseroberfläche sieht und die verschwinden, wenn man versucht, danach zu greifen. Aber als ich heute Abend den Himmel sah, habe ich an meine Großmutter gedacht, die ich lange Zeit vergessen hatte. Im Dorf haben sie alle die alte Ouaron genannt. Sie hat den Kindern Geschichten erzählt … Die über die Erschaffung der Welt habe ich sehr geliebt: Aataentsic, die Mutter der Menschheit, lebte einst im Himmel, bei den Geistern. Heute Abend habe ich mich gefragt, ob die Welt der Geister so aussieht wie diese Erscheinung am Himmel.«
    »Hmmm … vielleicht«, gab Alexander zurück, umarmte sie fester und küsste die Schläfe der jungen Frau, wo er ihren Herzschlag spürte. »Ist sie noch dort?«
    »Aataentsic? Nein… Eines Tages, als sie auf Bärenjagd war, fiel sie durch ein Loch im Himmel; eine Falle, die ihr die Geister gestellt hatten. Aataentsic war von ziemlich mürrischer Art, und die Geister hatten beschlossen, sie loszuwerden. Aber auf der Erde gab es damals nur das Urmeer, in dem die Große Schildkröte schwamm. Als die Große Schildkröte Aataentsic vom Himmel fallen sah, befahl sie dem Biber, tief ins Wasser zu tauchen und so viel Erde zu sammeln, wie er konnte, um sie auf ihren Rücken zu schütten. Dort ist Aataentsic hingefallen. Da erwartete sie schon ein Kind. Eigentlich waren es zwei, denn sie gebar Zwillinge: Iousheka, den Großen Geist, und Tawiscaron, den Bösen Geist. Während die Große Schildkröte und die Erde wuchsen, schuf der erste ihrer Söhne die Seen und Flüsse und baute in der Sonne Mais an. Schließlich erschuf er den Menschen, für den er aus einer Höhle die Tiere freiließ. Außerdem schenkte er ihm das Geheimnis des Feuers, damit er sich wärmen konnte. Der zweite Sohn aber, der den streitlustigen Charakter seiner Mutter geerbt hatte, säte Zwietracht, Zorn, Krieg und alles, was schlecht für den Menschen ist. Eines Tages forderte er seinen Bruder, mit dem er sich einfach nicht verstand, zum Duell. Er wurde verletzt und floh. Das Blut, das er verlor, als er dabei mehrmals hinfiel, verwandelte sich in Feuerstein, den die Menschen benutzten, um ihre Pfeilspitzen herzustellen. Seitdem ist er in die andere Welt verbannt und kehrt nie wieder zurück. Aber sein Zerstörungswerk ist in der Welt der Menschen geblieben.«
    Alexander stellte eine seltsame Ähnlichkeit zwischen dieser Vorstellung von der Erschaffung der Welt und der, wie sie die biblische Schrift lehrte, fest. Eva ähnelte Aataentsic. Sie hatte zwei Söhne, Kain und Abel, die einander bekämpften, bis der eine den anderen erschlug … Merkwürdigerweise musste er bei diesen feindlichen Zwillingsbrüdern an John und sich selbst denken; John war immer der Brave gewesen und Alexander der Rebell …
    Die junge Huronin bemerkte den Stimmungsumschwung ihres Gefährten, drehte sich in seinen Armen um und schlug die schwarzen Augen zu ihm auf.
    »Ich weiß, dass du dir Sorgen um das Schicksal meines Volkes machst«, erklärte sie und legte die Lippen an seine Schulter, auf die Stelle, an der die Wolfstätowierung saß. »Allein können wir nichts erreichen, aber gemeinsam so vieles. Unglücklicherweise entzweit das Werk des Bösen Geistes die Menschen und stiftet sie an, einander umzubringen …«
    Ihr plötzliches Verstummen bereitete Alexander Sorgen. Die junge Frau trat ein Stück zurück. Ihre feuchte Haut schimmerte im Himmelslicht, und das Wasser, das ihr bis zu den Hüften reichte, umgab sie wie eine Blüte. Sie war eine Blume, und er hatte schreckliche Lust, sie zu pflücken. Er streckte die Hand aus, um sie zu berühren, aber sie hinderte ihn daran und wies mit dem Finger auf das Spiegelbild des Mondes auf

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