Höhlenwelt-Saga 7 - Die Monde von Jonissar
schwer atmend,
»Ullrik! Hör auf!«
*
Als er Azranis Stimme hörte und aus diesem kleinen Paradies
ihres Schoßes auftauchen musste, brach für ihn fast eine Welt
zusammen. Er dachte zuerst, sie hätte es sich anders überlegt,
hätte plötzliche Skrupel bekommen, oder er wäre vielleicht einen
Schritt zu weit gegangen und müsste jetzt dafür büßen.
Noch nie hatte er ein Mädchen an dieser Stelle geküsst, und die
Leidenschaft, in die er mit jeder Sekunde tiefer hineingetrieben
war, hatte ihn überrascht, fasziniert, überwältigt. Stunden hätte
er an diesem Ort verbringen können, um sie zu küssen und zu
liebkosen. Zärtlichkeiten wie diese waren ihm eigentlich völlig
fremd, und jetzt, wo er sie kennen lernte, faszinierten und begeisterten sie ihn nur umso mehr. Eigentlich kannte er dergleichen nur aus rüden Sprüchen und wüstem Herumgeblöke unter
seinen Brüdern. In dunklen Ecken hatten sie damals kleine,
schlecht gemalte Bildchen und dümmliche, hingekritzelte Texte
getauscht, um ihrer unterdrückten Gelüste Herr zu werden. Dabei
hatten er und seine Brüder, die ihr Leben nur in finsteren Kellern
und in einer frauenlosen, zusammengepferchten Männergesellschaft gefristet hatten, sich nichts als falsches Wissen, eine verklemmte Gefühlswelt und großmäulige Redensarten angeeignet.
Was er gerade erlebt hatte, war nichts davon. Es war nur von
Zärtlichkeit und Liebe geprägt gewesen und besaß keinen Deut
dieses Schmutzigen oder Abartigen, das er bisher dahinter vermutet hatte. Azrani hatte eine unbeschreiblich zauberhafte Art,
ihr körperliches Empfinden durch leises Seufzen auszudrücken;
allein dafür hätte er sie endlos küssen mögen. Ihr Körper war so
weich und warm und sprühte zugleich vor Energie...
»Ullrik!«, rief sie und versuchte ihn abzuschütteln. »Ullrik, was
ist das?«
Langsam drang es in sein Bewusstsein vor, dass sie eigentlich
keinen Grund haben konnte, ihn abzuweisen, nicht jetzt. Sie war
völlig außer Rand und Band gewesen, es war einfach nicht der
Moment, ein solches Erlebnis abzubrechen. Er hob den Kopf, wollte ihr noch ein paar Küsse Richtung Bauchnabel geben, aber sie
rollte sich schon auf den Bauch herum. Verstört krabbelte er vorwärts, bis er auf gleicher Höhe mit ihr war. Sie schien irgendetwas gesehen zu haben.
»Was ist das?«, flüsterte sie angstvoll und deutete voraus.
Ullrik hob den Kopf. Ihr Arm wies ins Nichts hinaus, über den
schwarzen Abgrund hinweg, der kaum zehn Schritt vor ihnen begann, und dann sah er es. In dieser Richtung lag die Mauer der
Abon’Dhal, der Horizont leuchtete in tiefem, dunklem Blau, aber
das war es nicht, was sie gemeint hatte. Im Vordergrund des
Leuchtens bewegte sich etwas Großes von pulsierender, blauweißer Färbung. Er brauchte nur einen Augenblick, um zu verstehen, dass es sich auf sie zu bewegte!
Fluchend stemmte er sich auf die Knie.
Was immer es auch war, ihm gebührte sein doppelter Zorn.
Dafür, dass es den unbestreitbar schönsten Moment seines Lebens unterbrochen hatte, und für das, was es war. Ein solches
Etwas, das in der Nacht von der Mauer auf Xahoor zukam, konnte
nichts Gutes bedeuten.
Instinktiv blickte er mit seinem Inneren Auge ins Trivocum hinaus. Was er dort sah, alarmierte ihn. Blauviolette Farbtöne dominierten die Grenzlinie zwischen den Sphären, und endlich verstand er, dass auch das tiefe, beängstigende Blau der Mauer der
Abon’Dhal aus dieser Quelle stammen musste. Hier war Magie am
Werk, mächtige Magie, und sie war dem, was die Bruderschaft
und damit er selbst gewöhnlich wirkte, bedrückend nah.
Unsanft zog er Azrani hoch; es tat ihm weh, so mit ihr umgehen
zu müssen, aber das Ding näherte sich rasend schnell, sie mussten auf der Stelle handeln.
»Lauf! Wir müssen in den Turm!«
Schon rannte er los, Azrani an der Hand mit sich ziehend. Inzwischen war auch sie durch so manche Gefahr gegangen und
folgte ihm, ohne zu zögern. In Höchsttempo rannten sie auf den
Drachenturm zu; Ullrik warf unterwegs ständig Blicke in Richtung
dessen, was da auf sie zukam. Es war beängstigend schnell – ein
riesiges Wesen, das sich wie ein Fisch, der eine Querflosse am
Schwanz besaß, auf sie zu bewegte.
»Sieh nicht hin!«, rief er Azrani zu und zog sie am Arm so kräftig hinter sich her, dass sie gar keine Gelegenheit fand, den Kopf
zu wenden.
Es gab unter den Kreaturen dieses Kosmos einige, die sich auf
eine Art bewegten, dass einem vom bloßen Anblick schlecht werden konnte. Die
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