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Ich bin ein Fundbüro - mein Alltag mit Kindern

Ich bin ein Fundbüro - mein Alltag mit Kindern

Titel: Ich bin ein Fundbüro - mein Alltag mit Kindern Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Anke Willers
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»Wir könnten den Sims etwas absägen«, schlage ich Jochen vor. »Der Sims ist aus Granit, ich bin doch nicht Popeye«, entgegnet der. »Wir könnten den Trockner in den Keller stellen«, versuche ich es weiter. »Da ist kein Anschluss. Außerdem müssen wir dann mit der nassen Wäsche fünf Treppen runter- und mit der trockenen wieder hochlaufen«, sagt Jochen. Da kommt mir plötzlich Herr Dr. Mattusch in den Sinn: Der bringt bestimmt alles in die Reinigung und holt es fünf Tage später fertig gebügelt in Plastikfolie wieder ab. Promovierte kinderlose
Schnösel machen so was. Oder sie haben ihre Frau Hecht, und die macht das dann. »Wir müssen den Trockner auf Ebay stellen und uns einen neuen, schmaleren kaufen«, unterbricht Jochen meine Überlegungen. »Ja«, sage ich matt, während ich meinen 77. Umzugskarton auffalte: »Dr. Mattusch, Ordner und S-Unterlagen« steht darauf. S – wie Sado-Maso oder – wie Stasi? ? ?

6. August, früher Abend: Ich leide unter Gedächtnisverlust und Identitätsproblemen
    Vor zehn Minuten fragte mich Clara: »Mama, wo ist mein Hanni-und-Nanni-Buch?« Und ich hatte hilflos mit den Augen gerollt. Jetzt fragt mich Jette: »Mama, wo sind meine Flip-Flops?« Im Karton, sage ich. »In welchem ?«, fragt Jette und fängt an, in Nr. 97 zu wühlen. »Da steht aber DVD drauf«, buchstabiert Jette Herrn Dr. Mattuschs Kritzelschrift. »Hab ich doch durchgestrichen«, sage ich. »Was steht denn in Pink drauf?« »Nichts«, sagt Jette.
    Umzugstage, das zeigt sich immer wieder, führen zu vorgerückter Stunde zu vollständiger Verwirrung. Zwar bemühe ich mich jedes Mal, die Dinge auf dem Karton ordentlich zu vermerken. Und dieses Mal habe ich sogar einen Notfallkoffer mit allem Wichtigen gepackt: Zahnbürste, Unterwäsche, Handtuch, Pullis, zwei Tafeln
Vollmilch-Nuss – eben alles, was man so retten will, bevor man abbrennt. Aber das Hanni-und Nanni-Buch ist nicht dabei. Und die Flip-Flops auch nicht.
    »Du musst die hier nehmen«, sage ich und halte ein Paar Gummistiefel hoch. Mein Kind fängt an zu heulen und sagt, dass das Umziehen eine bescheuerte Idee ist: weil die Flip-Flops nicht da sind. Und die Nachbarskinder jetzt 200 Meter weiter weg. Ich suche nach Argumenten, die gegen diese These und für die neue Wohnung sprechen. Aber plötzlich, am frühen Abend dieses 6. Augustes fällt mir kein einziges mehr ein.
    Ich weiß nur noch eins: Ich heiße Anke Hecht. Nein, Anke Mattusch. Nein, Dr. Anke Mattusch. Hilfe!!!

Fünf Tage später: Mein Verfolgungswahn nimmt eine überraschende Wendung
    Doch, auch diesmal habe ich es überlebt. Und jetzt sitze ich in meinem nagelneuen Schafzimmer, das ungefähr dreimal so groß ist wie unsere schnappatmungsaktive Speisekammer. Es ist ein verdammt gutes Gefühl, die Kartons langsam wieder zu entsorgen. Nur ein paar stehen noch im Schlafzimmer. Die hatte Jochen gepackt mit seinen Kleidern. Doch oh, was sehe ich denn da: Herr Dr. Mattusch und Frau Hecht! Ganz fett machen sie sich auf den Kartons breit. Was wollen die denn noch hier! Raus aus meinem Schafzimmer!
    Eilig beginne ich, Karton 94 aufzufalten. Und da
sehe ich es: Oben auf dem Karton steht »Timmi: Playmo, BOB«. Ich kann es nicht fassen: Mein schnöseliger Umzugsbegleiter ist doch Vater!
    Lieber Herr Dr. Mattusch, falls Sie das hier lesen: Ich bitte um Entschuldigung für meine unflätigen Gedanken. Wahrscheinlich sind Sie ein sehr netter Mann, der sich gerade von Frau Hecht getrennt hat, seinen Timmi nur am Wochenende sieht und dann mit ihm »Bob der Baumeister« spielt. Bitte bleiben Sie auch nach der Trennung ein engagierter Vater. Und ach ja, sollten Sie einen Wäschetrockner brauchen für die ganzen Jungshosen: Ich habe noch einen, exakt 59,2 Zentimeter breit. Und für Sie mach ich ihn ganz günstig! Versprochen!

Ach du lieber Gott!
    Gibt es ihn, oder gibt es ihn nicht? In der Weihnachtszeit ist diese Frage bei uns wieder besonders brisant.

    Vor Kurzem fand ich im Büro eine alte Zeitungsmeldung. Bei einer Umfrage waren 700 sechs- bis zwölfjährige Kinder interviewt worden: Ob sie denn wüssten, warum Weihnachten sei? 39 Prozent der Kinder, so war in der Meldung zu lesen, hätten keinen Schimmer gehabt. Zu Hause stellte ich meinen Mädchen sofort die Kardinalfrage: »Wisst ihr eigentlich, warum wir Weihnachten feiern?« »Ja«, sagte Jette, »das ist doch, weil da der Jesus geboren ist.« »Geboren worden war«, sagte Clara, die in Deutsch gerade Plusquamperfekt durchnimmt, »der

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