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Idol

Idol

Titel: Idol Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: R Merle
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angezeigt.«
    Er drehte sich um und sah mir in die Augen.
    »Warum?«
    »Ihre Eltern sind aus Grottammare. Ich habe den Verdacht, daß Caterina in Montaltos Hand ist.«
    »Gut, sprechen wir nicht weiter darüber.«
    Bei diesen Worten nahm er meinen Arm und begleitete mich bis zur Treppe. Es freute mich, daß er so aufmerksam zu mir war,
     nachdem ich hinter seine kleinen Geheimnisse gekommen war. Ich war gerührt, meine Zuneigung für ihn erwachte aufs neue, und
     ich sagte:
    »Als Ersatz kann ich dir ein Treffen mit Marcello Accoramboni vermitteln.«
    »Wie das? Eben hast du gesagt, du kennst ihn nicht.«
    »Das stimmt, doch er verkehrt mit dem
mancino
, Caterinas Bruder.«
    »Wer ist dieser
mancino

    »Ein Brigant, der sich zum Zuhälter gemausert hat. Er treibt |92| sich in der Taverne ›Zum Ölberg‹ herum. Manche behaupten, er sei der Besitzer.«
    »Du hast seltsamen Umgang, Raimondo«, sagte Paolo mit einem leichten Lächeln.
    »Du aber auch, den Leuten nach zu urteilen, die ich in deinem Hof gesehen habe.«
    Wir umarmten uns und trennten uns als gute Freunde, ohne daß er sich bezüglich Marcellos entschieden hätte. Paolo brauchte
     meine Hilfe in diesem Fall nicht mehr, denn er wußte jetzt durch mich, wer
il mancino
war und wo er ihn finden konnte.
    Als Isabella mich in Begleitung meines Reitknechts Alfredo und einer starken Eskorte vor den Mauern von Bracciano auftauchen
     sah, begriff sie den Zweck meines Besuches, und es war kaum nötig, ihr Paolos Schreiben vorzuweisen. Trotzdem empfing sie
     mich mit ihrer gewohnten Freundlichkeit. Ihr schönes Gesicht zeigte nicht die mindeste Spur von Angst, und nachdem sie mich
     zum Sitzen aufgefordert hatte, plauderte sie höflich mit mir.
    »Raimondo, sag Paolo vor allem Dank dafür, daß er mich nach meiner Affäre mit Troilo noch fünf Jahre hat leben lassen. Das
     war weit mehr, als ich hoffen durfte. Sag ihm auch, ich bin sehr gerührt, daß er es nicht übers Herz bringt, mich eigenhändig
     zu töten. Du natürlich auch nicht, Raimondo, du bist nicht der rechte Mann für diese Art Geschäft. Du hattest immer eine kleine
     Schwäche für mich, leugne es nicht. Und ich fand es immer ungerecht, daß man dich
il bruto
nennt. Du hast nicht die Augen und auch nicht den Mund einer Bestie.«
    Sie erhob sich voller Anmut aus ihrem Sessel und küßte mich. Dann nahm sie wieder Platz, als sei nichts gewesen, und fuhr
     im Plauderton fort:
    »Und wie gedenkst du die Sache zu erledigen, Raimondo?«
    Ich schluckte meinen Speichel herunter und antwortete mit erstickter Stimme:
    »Wie Recht und Gesetz es verlangen: mit einer roten Seidenschnur.«
    »Oh, nein, Raimondo, so nicht, ich bitte dich!« rief sie. »Der Kopf eines Erdrosselten ist so abstoßend. Ich will nicht häßlich
     aussehen, auch nicht im Tode. Nein, Raimondo! Nimm den Dolch! Stoß mir den Dolch mitten ins Herz!«
    |93| »Wie du willst«, sagte ich leise.
    »Und noch eine kleine Bitte, Raimondo«, fuhr sie liebenswürdig fort und neigte den Kopf leicht zur Seite. »Gib mir noch drei
     Tage, ich bitte dich darum.«
    »Um deine Angelegenheiten zu regeln?«
    »Oh, nein!« Sie lachte ein helles Lachen. »Die sind seit fünf Jahren geregelt … Aber wie ich gesehen habe, sind viele gutaussehende
     Männer in deiner Eskorte, allen voran du selber. Und du hast mich immer begehrt, Raimondo, streit das nicht ab.«
    »Entschuldige, Isabella«, sagte ich und blickte zu Boden. »Bei mir mag es ja noch angehen, ich bin dein Cousin wie Troilo.
     Aber alle die anderen … Wie konnte es geschehen, daß du so eine …« Ich suchte den Namen, den Paolo verwendet hatte, da er
     mir jedoch nicht einfiel, schloß ich: »… so eine unersättliche Frau geworden bist?«
    Sie lachte abermals. Wie schön sie war! Diese Zähne, dieser Mund, diese Augen, dieses dichte schwarze Haar! Doch sie wurde
     wieder ernst und sagte:
    »Als Paolo bei mir war, schliefen wir sehr oft miteinander, mehrere Male am Tag. Er war ein unermüdlicher Liebhaber, und auch
     mit seinem Mund vollbrachte er wahre Wunder. Und ich, Raimondo, ich hatte immer Lust. Immer. Und weil ich Paolo anbetete,
     habe ich, auch wenn er nicht bei mir war, an ihn gedacht und davon geträumt, daß er mich nähme. Dann ist Paolo in den Krieg
     gezogen. Die Zeit seiner Abwesenheit war die Hölle für mich. Und eines Abends habe ich mich Troilo an den Hals geworfen, einfach
     weil er seinem Cousin ähnelte. Der arme Troilo ist vor Angst gestorben, und als er begriffen hatte,

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