Idol
Schweinsäuglein weit auf.
»Heute ist doch erst der zweite Tag. Du hast ihr drei versprochen.«
»Eben. Und wenn sie morgen früh noch am Leben wäre, würde sie sich sagen: Heute ist mein letzter Tag‹, und Angst bekommen
trotz ihres Mutes. Das will ich nicht. Ich will nicht, daß sie leidet. Ich will sie unverhofft töten, damit sie gar nicht
spürt, daß sie stirbt.«
|96| Alfredo sah mich verdutzt an und wiederholte:
»Du willst nicht, daß sie Angst bekommt. Du willst nicht, daß sie leidet. Du willst, daß sie stirbt, ohne es zu merken. Warum?«
»Frag mich nicht, warum. Such du nach einer Möglichkeit. Ich warte hier mit ihrem Schlüssel.«
Alfredo nickte und verschwand. Er war zufrieden, daß ich auf seine Schlauheit baute. Ich warf mich aufs Bett und versuchte
zu schlafen – vergeblich. Bei Anbruch der Dunkelheit kam er zurück.
»Jetzt ist der richtige Moment. Amin ist bei ihr.«
»Wer ist Amin?«
»Der Maultiertreiber der Burg. Ein Riese von Neger. Sie läßt es sich jeden Abend von ihm besorgen.«
Alfredo zeigte mir zwei Stilette mit langer feiner Klinge. Ich schluckte.
»Warum Stilette? Und warum zwei?«
»Eins für mich, eins für dich. Wenn Amin über ihr ist, stoße ich ihm mein Stilett hinters Ohr, und er ist sofort erledigt.
Ich zieh ihn dann von Isabella runter, damit du ihr dein Stilett ins Herz stoßen kannst. Das gibt nur eine kleine Wunde und
wenig Blut.«
Ich stand auf. Ich zitterte am ganzen Körper. Ich trank einen großen Becher Wein und sagte:
»Los, komm!«
»Erst noch die Schuhe ausziehen«, sagte Alfredo.
Ich betrat Isabellas Zimmer als erster. Meine Hände waren feucht, und mein Herz schlug so heftig, daß ich fürchtete, man könne
es hören. Im Halbschatten gewahrte ich den riesenhaften Körper des Schwarzen auf dem Lager, Isabella war nicht zu sehen. Sie
lag unter ihm und wimmerte mit Kinderstimme. Ich begriff, sie war so weit weg, daß sie weder meinen Herzschlag noch sonst
etwas hören konnte.
Alfredo trat einen Schritt vor, doch ich hielt ihn zurück. Ich wollte, daß die beiden Körper zu meinen Füßen ihre Lust bis
zum Ende erlebten.
Wir mußten lange warten. Der Schwarze keuchte wie ein Blasebalg, Schweiß rann ihm den Rücken hinunter. Ich war fasziniert
von der Bewegung seiner muskulösen Hinterbacken, die sich mit unglaublicher Kraft und Geschwindigkeit auf und |97| ab bewegten. Die unsichtbare Isabella unter ihm stöhnte immer noch leise und klagend wie ein fieberndes Kind.
Endlich stieß der Schwarze einen rauhen Triumphschrei aus, und auch Isabella schrie mehrmals, immer lauter werdend, mit schriller
Stimme. Ich gab Alfredo ein Zeichen. Er beugte sich vor, und alles geschah wie abgesprochen. Isabellas Gesicht zuckte konvulsivisch,
ihre Lider flatterten. Das war alles. Der Raum war plötzlich von Schweigen und Bewegungslosigkeit erfüllt. Die beiden Lebenden
schauten auf die beiden Toten.
»Die zwei sind glücklich gestorben«, sagte Alfredo mit albernem Grinsen.
Voll Zorn drehte ich mich zu ihm um.
»Schaff diesen Maultiertreiber hier weg. Wirf ihn, wohin du willst, und laß mich allein!«
Der Schwarze war so schwer, daß Alfredo ihn nicht heben konnte, sondern ihn an den Schultern packte und aus dem Zimmer schleifte.
Als er weg war, verschloß ich die Tür, kniete am Kopfende von Isabellas Bett nieder und nahm ihre Hand, die noch warm war
und leicht in meinen Händen lag. Tränen liefen mir über die Wangen, ich begann zu beten. Doch meine Seele war umdüstert und
erstarrt. Wie betäubt vor Kummer, fragte ich mich, zwischen zwei Vaterunsern, warum Isabella so große Schuld hatte, gewesen
zu sein, was sie nun einmal war. Als ihre Hand kalt und steif wurde, stand ich auf und ging.
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|98| KAPITEL IV
Marcello Accoramboni:
Mit Verwunderung fragte ich mich, warum sich die Lebensweise im Palazzo Rusticucci völlig änderte und so scharfe Eingangs-
und Ausgangskontrollen eingeführt wurden, daß ich plötzlich den Eindruck bekam, unsere friedliche Bleibe habe sich zu einer
belagerten Festung gemausert.
Natürlich wirkten sich diese Veränderungen auch auf die Bewohner des Hauses aus: so wie die Türen, waren jetzt die Menschen
verschlossen. Überall stieß ich nur auf Schweigen, Anspannung, ängstliche Erwartung. Man hätte meinen können, der Palazzo
Rusticucci befinde sich nicht mehr ein paar Schritte vom Petersdom entfernt, sondern mitten in einem unsicheren Wald voller
Briganten, die ihn
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