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Idol

Idol

Titel: Idol Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: R Merle
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heißt Raimondo
     Orsini. Schade, Signore, daß Ihr versäumt habt, meine Schwester nach seinem Namen zu fragen: Ihr hättet fünfzig Piaster sparen
     können.«
    »Schade«, erwidere ich, »daß Caterina nicht auf die Idee gekommen ist, mir den Namen zu verraten. Sie ist eine zärtliche Schwester
     und auf den Vorteil ihres Bruders bedacht.«
    »Nein, Signore, glaubt das nicht! Caterina ist nicht berechnend. Ihr Horizont geht nicht weiter als bis zu den Spitzen ihrer
     Brüste …«
    Diese Bemerkung hat eine zweifache Wirkung: sie bringt mich zum Lachen, und sie überzeugt mich.
    »Was kann mir diese Information nützen?«
    »Das müßt Ihr wissen, Signore«, sagt der durchtriebene mancino.
    »Deine Meinung, bitte.«
    »Bevor meine Schwester Raimondo entließ, konnte der Fürst darauf hoffen, über seine Cousins bis zu Caterina vorzudringen und
     durch sie Kontakt mit Eurer Frau Schwester aufzunehmen. Diese Möglichkeit besteht jetzt nicht mehr.«
    |107| »Richtig gedacht.«
    Und ich hatte die richtige Karte ausgespielt, ohne es zu wissen. Denn als ich Caterina die Entlassung ihrer beiden Liebhaber
     befahl, ahnte ich nicht, daß einer davon ein Orsini war.
    Am nächsten Tag begebe ich mich, die »Nase im Mantel vergraben«, zur vereinbarten Zeit in den »Ölberg«. Wegen des großen Gedränges
     und des Tabakqualms kann ich zunächst kein Gesicht erkennen.
Il mancino
hat offenbar den schärferen Blick, denn noch bevor ich ihn ausgemacht habe, flüstert er mir ins Ohr: »Folgt mir, Signore!«
     Als wir die wacklige Holztreppe hinaufsteigen, kommt uns laut schreiend ein halbnacktes Mädchen entgegen, das von einem brüllenden,
     messerschwingenden Mann verfolgt wird.
Il mancino
stellt dem Mann ein Bein, entwaffnet ihn blitzschnell, zieht ihn dann am Kragen wieder hoch und drückt ihn gegen die Wand.
    »Die kleinen Zwistigkeiten zwischen Liebesleuten werden hier friedlich beigelegt, Signore«, sagt er lächelnd mit hartem Blick.
     »Geht hinunter, setzt Euch an einen Tisch und bestellt auf meine Rechnung einen Krug Wein. Ich komme gleich.«
    Der Mann gehorcht lammfromm, und
il mancino
erklärt mir:
    »Ein Kunde der Sorda. Sie hat ihre eigenen Methoden, die ich nicht billige. Ich bin für Ehrlichkeit – zumindest, wenn es sich
     machen läßt.«
    Auf dem Flur bezeichnet er mir eine Tür.
    »Hier. Und gestattet mir einen Hinweis, Signore: seid nicht zu anmaßend. Die Orsinis sind hitzig.«
    »Ich auch.«
    Ich lockere meinen Degen in der Scheide, klopfe einmal kurz an, trete rasch ein und stoße die Tür weit auf gegen die Wand,
     falls jemand auf die Idee gekommen sein sollte, sich dahinter zu verstecken. Zwei maskierte Edelleute befinden sich im Zimmer,
     einer steht, der andere sitzt. Mein stürmischer Eintritt läßt sie auffahren. Ich schließe die Tür, achte aber darauf, ihnen
     nicht den Rücken zuzukehren. Dann grüße ich knapp und lege meinen Hut auf einem Schemel ab, um die Hände frei zu haben für
     den Fall, daß die Dinge eine schlechte Wendung nehmen.
    »Guten Tag, die Herren. Ich bin Marcello Accoramboni. Wer von Euch ist Fürst Orsini?«
    »Ich«, antwortet der, der steht.
    |108| Der andere sitzt am Tisch und rührt sich nicht. Er schaut aus dem Fenster und scheint desinteressiert an dem Gespräch.
    »Dann bitte ich Euch, ohne Maske mit mir zu sprechen.«
    »Ich sehe keine Notwendigkeit, meine Maske abzunehmen«, antwortet er spitz.
    »Die Notwendigkeit ergibt sich daraus, daß ich keine Maske trage.«
    »Los,
carissimo «
, sagt der Sitzende, »mach keine Ehrensache daraus. Nimm sie ab, wenn er dich darum bittet.«
    »Eine eigentümliche Bitte. Und in was für einem Ton!«
    »Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus«, antworte ich.
    »Carissimo«
, sagt der andere, »nimm die Maske ab, ich bitte dich.«
    Kochend vor Wut, gehorcht der erste. Unter der Maske kommt ein Gesicht zum Vorschein, das man für hübsch halten könnte, wäre
     es nicht so unerträglich geckenhaft. Doch es ist weniger dieser Ausdruck als die Jugend, die mich dabei frappiert. Bei seiner
     Rückkehr aus Venedig habe ich den Fürsten Orsini deutlich gesehen, und die Person, die jetzt vor mir steht, ist gut und gerne
     zwanzig Jahre jünger.
    »Signore, Ihr habt mich belogen, Ihr seid gar nicht Fürst Orsini.«
    »Ich bin Lodovico Orsini, Graf von Oppedo«, entgegnet der Mann fest, »und ich kann nicht dulden, daß der erstbeste hergelaufene
     Stutzer mich einen Lügner schimpft.«
    »Stutzer?« sage ich und ziehe

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