Idol
Vittorias Entführung
dienen.
Seitdem Caterina gegangen ist, haben sich meine Gedanken ernsteren Dingen zugewendet. Meine Kerze habe ich noch nicht gelöscht,
ich liege auf dem Bett und drehe den bei Vittoria gestohlenen Ring am kleinen Finger. »Gestohlen« ist ein großes Wort. Ich
bin überzeugt, daß sie ihn niemals getragen hat, nicht – wie Giulietta behauptet – weil er ein Geschenk ihrer Mutter ist,
sondern viel einfacher: weil er, ein Beweis für Tarquinias angeborenen schlechten Geschmack, von unaussprechlicher Häßlichkeit
ist. Der Ring fügt sich aber wegen seines mit Diamanten besetzten V gut in meine Pläne.
Ich muß jetzt nicht über eine mögliche Entscheidung nachdenken. Die ist bereits getroffen. Doch ich versuche, die Gründe zu
verstehen, die mich zu dieser Entscheidung bewogen haben. Eine gewaltige Aufgabe! Ich habe es schon oft beobachtet: in einer
durch Leidenschaften bestimmten Situation ist es schwierig, zu wissen, was man denkt; schwieriger noch ist es zu wissen, was
man fühlt, und am schwierigsten, zu wissen, was man will. Im vorliegenden Fall betrifft dieses Wissen nicht mich, sondern
Vittoria, mein anderes Ich.
Dank unserer Wesensgleichheit habe ich auf Grund bestimmter Anzeichen immer gewußt, was in Vittorias Herzen vorgeht. Am 19.
März hat Vittoria die uns verbindende Brücke abgebrochen, und nur durch Caterina, die zwar eine Dienerin, jedoch die Hauptzeugin
ist, habe ich erfahren, was sie bewegte. Von dem Moment an mußte ich die Beobachtung durch Intuition ersetzen, denn es wurde
außerordentlich wichtig für mich, zu wissen, was Vittoria fühlte und was sie wollte, obwohl sie selbst alles daransetzte,
um nichts zu sehen und nichts zu wissen.
In dieser Hinsicht hat mir der Auftritt in ihrem Zimmer volle Klarheit verschafft. Als ich »den Brief von einem großen Herrn,
der in Euch verliebt ist« vor Vittoria hinlegte – an sich schon eine Beleidigung, zumal wenn sich ein Bruder dafür hergibt
–, hätte sie, ohne das geringste Zögern und ohne den gesiegelten Brief auch nur zu berühren, mich mit letzter Verachtung auffordern
müssen, das infame Schreiben wieder an mich zu nehmen und an den Absender zurückzubefördern. Nichts |124| dergleichen geschah. Sie zögerte. Dieses Zögern war ihre Art, das eigene Gewissen zu schonen. Aber das Ergebnis beseitigte
jeden Zweifel.
Sie hat den Brief geöffnet. Weder Neugier noch Freude an Komplimenten hatten etwas mit diesem Entschluß zu tun. Vittoria,
die von aller Welt verehrt wird, steht über solchen kleinlichen Eitelkeiten. Sie hat den Brief geöffnet, weil sie den Fürsten
liebt, weil sie sich danach sehnt, ihm anzugehören, und weil sie seinem Ruf nicht widerstehen konnte. In dem Moment, da ihre
schönen Hände – und wie sehr zitterten sie dabei! – das Wachssiegel erbrachen und sie zu lesen begann, noch dazu vor zwei
Zeugen, hat sie Peretti verraten.
Nach der Lektüre verbrennt sie, was sie mit Verehrung gelesen hat, und sagt hochmütig: »Es gibt keine Antwort!« Was für eine
Komödie! Nicht einmal Caterina, deren Blicke sich in jenem Augenblick mit meinen im Spiegel trafen, hat ihr das abgenommen.
Nein, Vittoria! es gibt eine Antwort, eine ganz eindeutige Antwort auf diesen Brief: die Tatsache, daß du ihn gelesen hast.
Vielleicht ist diese Antwort für den Fürsten nicht so eindeutig wie für mich. Deswegen werde ich ihm morgen auf die Sprünge
helfen. Ich will gleich sagen wie.
Ich übersehe indes nicht, daß wir bis zu dem vermutlichen Ziel durch sehr viel Blut und Dreck werden gehen müssen. Wäre Peretti
nicht unglücklicherweise der Sohn eines Kardinals und wäre Fürst Orsini ein Freund Gregors XIII., dann wäre es für den Pontifex
maximus ein leichtes, durch ein precetto 1 die Ehe von Vittoria mit Peretti unwiderruflich zu annullieren. Wie viele Male hat nicht der regierende Papst – aus anderen als
Glaubensgründen – zu diesem tadelnswerten Verfahren gegriffen und fand sich der unglückliche Gegner, den er durch solche Willkür
in die Knie zwingen wollte, von einem Tag zum anderen geschieden von seiner legitimen Ehefrau, die an seiner Seite nun im
Stande der Todsünde lebte und folglich aus der Gemeinschaft der Gläubigen ausgeschlossen war? Aber wie gesagt, dieser Ausweg
ist unmöglich. Alles, was geschehen soll, wird sich gegen den Papst und gegen Montalto richten müssen. Das heißt: gegen die
weltliche und geistliche Macht Roms.
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