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Idol

Idol

Titel: Idol Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: R Merle
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Erfahrung. Da ich aber während der Beichte meiner
     Eitelkeit nicht nachgeben konnte, beschränkte ich mich auf ein zustimmendes Kopfnicken.
    »Ein letzter Punkt, Racasi, und bitte antwortet mir ohne Umschweife. Ich appelliere dabei – über die Fakten hinaus – an |130| Eure Intuition: würde Euer Beichtkind, wenn der Verehrer bis zu ihm vordränge, seiner Versuchung widerstehen können?«
    Ich schlug die Augen nieder, schüttelte den Kopf und antwortete traurig:
    »Ich bezweifle es, Eminenz.«
    »Helft mir beim Aufstehen, Racasi!« verlangte der Kardinal grob.
    Ich erhob mich, um seiner Bitte Folge zu leisten, doch sobald er seine Krücken unter die Arme geklemmt hatte, gebot er mir
     mit ungeduldiger Gebärde, ich solle beiseite treten; mir den Rücken kehrend, stellte er sich vor einem an der Wand hängenden
     Gemälde der Madonna mit dem Jesuskind auf und blieb einen langen Moment in Betrachtung der Madonna versunken, ohne sie, wie
     ich meine, überhaupt zu sehen. Denn er schüttelte mehrmals den Kopf und murmelte mit versagender Stimme: »Ach, mein armer
     Sohn! Sie werden ihn mir töten!«
    Ich wußte wirklich nicht, wohin ich mich verkriechen und was ich tun sollte, so unwohl wurde mir ob meiner Zeugenschaft. Andererseits
     konnte ich nicht einfach weggehen, da der Kardinal mich nicht entlassen noch mir die Absolution erteilt hatte.
    Vielleicht erriet er meine Verlegenheit, denn er drehte sich auf seinen Krücken schwerfällig zu mir um, sah mich mit seinen
     furchteinflößenden schwarzen Augen durchbohrend an und sagte grob:
    »Verschließt das alles fest in Eurem Herzen, Racasi, und laßt mich jetzt bitte allein.«
    »Aber Eminenz«, stotterte ich, »Ihr habt mir keine Absolution erteilt.«
    Würde ich nicht Dankbarkeit und Verehrung für den Kardinal empfinden, müßte ich gestehen, daß noch nie einem Büßer so flüchtig,
     so zerstreut und so undeutlich gestammelt die Vergebung der Sünden gewährt worden ist. Doch aus Gründen, die nur ihn allein
     angingen und mit denen ich natürlich nichts zu schaffen hatte, war Seine Eminenz zu tief aufgewühlt, als daß ich ihm das hätte
     zum Vorwurf machen können. Obwohl ich die Lehrmeinung der Kirche verfechte, daß der Priester bei Erteilung der Absolution
     tatsächlich in
loco Dei
1 spricht und sich |131| dabei seines außerordentlichen Privilegs voll bewußt zu sein hat, ist es nur allzu wahr, daß Sorge, Müdigkeit, Angst oder
     menschliche Schwäche den Stellvertreter Christi gelegentlich verleiten können, mechanisch und routinemäßig Worte herzusagen,
     von denen jedes einzelne mit größtem Ernst bedacht und gewogen sein will. Für einen Priester wäre es ein großer Fehler, solche
     Dinge leichtzunehmen, zumal er genau weiß, daß die Beichte, in der er die Gläubigen auf Herz und Nieren prüfen darf, seiner
     Kirche eine ungeheure Macht im Reich der Menschen verschafft. Ich sage das in aller Demut, ohne jemand belehren zu wollen,
     schon gar nicht diejenigen, die durch die Gnade Gottes im Staat und in der Hierarchie der Kirche hoch über mir stehen.
     
     
    Lodovico Orsini, Graf von Oppedo:
     
    An jenem Donnerstag mußte ich mich sehr beeilen, um pünktlich neun Uhr abends in Montegiordano einzutreffen, wußte ich doch
     nur zu gut, daß Unpünktlichkeit für Paolo ein Greuel ist.
    »Da bist du ja endlich«, rief er und umarmte mich in gewohnter Weise, das heißt, er erdrückte mich fast in seinen herkulischen
     Armen.
    »Ich komme doch nicht zu spät!« sagte ich und befreite mich aus der Umklammerung.
    »Du hast recht«, wunderte sich Paolo nach einem Blick auf die große Uhr im Zimmer. »Entschuldige meine Ungeduld,
carissimo
. Und hör bitte auf, Marcello so herausfordernd anzustarren. Du weißt, wie argwöhnisch er ist. Wegen eines unbedachten Wortes
     hat er sogar gegen mich den Degen gezogen. Gegen mich, Lodovico! Doch genug davon. Marcello ist mein Sekretär und mein Freund.
     Und ich will – hörst du, Lodovico, ich will! – , daß ihr ebenfalls Freunde werdet. Gib ihm die Hand!«
    »Ich?« rief ich. »Diesem Reptil die Hand geben?«
    »Graf«, wandte sich Marcello an mich, »Eure Kenntnisse in Zoologie sind mangelhaft: ein Reptil hat keine Hand. Aber es kann
     beißen«, fuhr er fort und griff nach seinem Degen.
    »Es wird mitnichten beißen!« schrie Paolo. »Deine Hand, Lodovico, gib ihm sofort die Hand, oder ich werde ernstlich mit dir
     böse!«
    |132| Ich gehorchte und ergriff Marcellos Rechte, die er mir widerwillig

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