Im Rausch der Freiheit
»Knickerbocker hat gerade um ein Darlehen ersucht und es nicht bekommen.« Knickerbockers Kreditwürdigkeit war dahin.
Die Börse ächzte. Den ganzen Nachmittag lang fielen beständig die Aktienkurse.
William war sicher, dass die Knickerbocker Trust jeden Augenblick ihre Zahlungsunfähigkeit erklären würde. Am späteren Nachmittag dann kam einer seiner Partner mit einer unerwarteten Nachricht an.
»Morgan will versuchen, die Treuhandfirmen zu retten.«
»Jack Morgan ist in London«, erinnerte ihn William. »Ich wüsste nicht, was er von dort aus etwas unternehmen könnte.«
»Nicht Jack. Der alte Pierpont. Er ist mit einem Privatzug von Virginia raufgefahren, gestern Nacht schon.«
»Aber er hasst die Treuhänder. Verachtet uns alle.«
»Schon, doch da hängt so viel Geld mit drin, dass er keine andere Möglichkeit sieht. Wenn die Pleite machen, ist alles vorbei.«
War das ein Hoffnungsschimmer? William hatte seine Zweifel. Selbst Jupiter mit seinen Blitzstrahlen konnte schwerlich diesen gewaltigen Berg von faulen Krediten aus dem Weg räumen.
Immerhin schien es die einzige Hoffnung am Horizont. Als Rose ihn an dem Abend ängstlich fragte, was vor sich ging, lächelte er tapfer und antwortete: »Morgan wird’s ausbügeln.«
*
Am Dienstagmorgen bildete sich ein Menschenauflauf vor der Geschäftsstelle der Knickerbocker Trust. Bald musste ein Polizist dafür sorgen, dass die Leute sich ordentlich in eine Reihe stellten. Sie verlangten Informationen, wollten beruhigt werden. Und vor allem wollten sie ihr Geld zurück. Drinnen gingen Morgans Männer die Geschäftsbücher durch.
In der Mittagspause machte William einen Gang den Broadway hinunter. Am Bowling Green passierte er die Geschäftsstellen der zwei großen Reedereien Cunard und White Star. Er spazierte weiter in Richtung Ufer und starrte dann hinüber nach Ellis Island.
Wie lang würde es noch dauern, fragte er sich, bis er so mittellos wie die armen Teufel sein würde, die Tag für Tag dort an Land gingen?
So arm wie ein italienischer Landarbeiter? Na ja, nicht ganz so. Um seine Frau und seine Kinder würden sich seine Eltern schon kümmern, da hatte er keine Zweifel. Vielleicht tat auch seine Großmutter etwas für sie. Aber leicht war es sicherlich nicht. Der größte Teil ihres Vermögens steckte in einem Treuhänderdepot, das für Tom bestimmt war. Toms eine Schwester rechnete ebenfalls mit dem ihr zustehenden Erbteil. Der Rolls-Royce würde dann weg sein. Die Perlen seiner Frau auch. Gott allein wusste, wo sie dann wohnen würden. An welcher Adresse.
Er fragte sich, wie Rose das Desaster aufnehmen würde. Sie liebte ihn auf ihre Weise. Doch sie hatte in einen bestimmten Lebensstil hineingeheiratet. Das war die Abmachung gewesen. Alter Geldadel. Zog man das Geld ab, was würde dann für eine Ehe übrig bleiben? Er wusste es ehrlich nicht. Die jüdischen Flüchtlinge und die italienischen Kleinbauern, die in Ellis Island landeten, waren wenigstens schon arm gewesen, als sie geheiratet hatten. Für sie konnte es eigentlich nur besser werden. In gewissem Sinne waren sie frei.
Wirklich, es schien fast zum Lachen, wenn man darüber nachdachte. Sein Leben lang war er reich gewesen. Dennoch hatte er die ganze Zeit in einer Gefängniszelle gelebt – im großen Gefängnis der Erwartung.
Vielleicht konnte er, sobald er seine Angelegenheiten so gut es ging geregelt hatte, zur White Star Line gehen und sich eine Überfahrt nach London kaufen. Behaupten, Geschäfte würden ihn dorthin rufen. Es brauchte nicht einmal ein Ticket erster Klasse zu sein. Dann irgendwo mitten im Atlantik, wenn es dunkel war, still und leise über Bord springen. Nicht die schlechteste Art zu gehen. Würde niemandem Scherereien bereiten.
Was für ein Leben ließ er schon hinter sich? War er glücklich gewesen? Nicht so richtig. Hing er an seinem Haus? Nicht sonderlich. Seinen neuen Rolls-Royce liebte er – das immerhin wusste er sicher. Aber was liebte er daran? Die Tatsache, dass er teuer war, die silberfarbene Karosserie, die roten Ledersitze, die Bewunderung und den Neid, den er auslöste? Nein. Es war der Motor. Das war’s, was ihn begeisterte. Seine makellose Funktionsweise, seine Schönheit. Vermutlich wäre er als einfacher Mechaniker nicht minder zufrieden gewesen.
Der Mann, der diesen Rolls-Royce gebaut hatte, dachte William, der war zu beneiden! Ein Bursche, der etwas tat, was ihm Freude bereitete, und es unübertrefflich gut machte.
Bereitet mir das, was ich
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