Im Rausch der Freiheit
erledigen.
Es war die Idee seiner Mutter gewesen, ihn zum Priester zu schicken. Nicht zu ihrem Gemeindepfarrer, sondern zu jenem silberhaarigen alten Mann, der die Woche zuvor in ihrer Kirche die Messe gelesen hatte. Er wohnte im Judenviertel, ausgerechnet!
Der Weg war nicht weit. Salvatore musste nur die Bowery überqueren, und schon war man im zehnten und dreizehnten Bezirk der Lower East Side, die sich direkt unterhalb des alten deutschen Wohngebiets zum Fluss hinzogen. Die ärmlichen Straßen des Viertels – um Division und Hester Street, über die Delancey bis hin zur Houston Street – beherbergten kleine Manufakturen, Farbenläden, Schmieden und Mietskasernen, die seit mittlerweile einer Generation mit osteuropäischen Juden vollgestopft wurden. An der Rivington Street allerdings, in der Nähe des Flusses, gab es eine katholische Kirche.
Salvatore hatte die Predigt des alten Mannes nicht gefallen. Sie handelte von der Versuchung Christi in der Wüste, wo der Teufel Christus auf einen Berg getragen und dann aufgefordert hatte hinunterzuspringen, damit Gott ihn retten könnte. Doch es sei nur richtig gewesen, erinnerte sie der Priester, dass Jesus sich weigerte.
»Warum ist er denn nicht gesprungen?«, flüsterte Salvatore Anna zu. Schließlich – wenn Jesus auf dem Wasser wandeln konnte, warum sollte er dann nicht fliegen dürfen? Das war ihm wie eine großartige Idee erschienen. Nicht aber dem alten Priester.
»Du sollst den Herrn deinen Gott nicht versuchen!«, rief er aus und schaute dabei direkt Salvatore an. Gott sei allmächtig, erklärte er, doch Er hat es nicht nötig, Sich zu beweisen. Es sei Lästerung – wieder sah er Salvatore streng an –, Gott herauszufordern, irgendetwas zu tun. Er tue nur das, was Sein Plan erfordere, und den durchschauen wir nicht. Wenn Er uns Armut zuteilt, wenn Er uns Krankheit schickt, wenn Er einen geliebten Menschen von uns nimmt, so ist das alles Teil Seines Plans. Wir dürfen Ihn um Hilfe bitten, aber wir müssen unser Schicksal hinnehmen. »Bittet Ihn nicht um mehr, als ihr verdient! Wenn Gott wollte, dass der Mensch fliegt, so hätte Er ihm Flügel verliehen. Versucht es also gar nicht erst«, schloss er mit Bestimmtheit. »Denn dies ist des Teufels Versuchung!«
Concetta Caruso hatte die Predigt so sehr genossen, dass sie anschließend dem alten Priester für seine aufrüttelnden Worte dankte. So waren sie ins Gespräch gekommen. Concetta fand dabei heraus, dass seine Mutter aus demselben Dorf stammte wie ihre Mutter. Und dass er eine Schwäche für dragierte Mandeln hatte.
Aber warum suchte sie ausgerechnet diesen Tag aus, um Salvatore mit einer Tüte Bonbons zu ihm nach Hause zu schicken? Wer weiß? Es musste Schicksal gewesen sein.
Salvatore durchquerte das Judenviertel so schnell, wie er konnte. Nicht dass er sich gefürchtet hätte, aber er fühlte sich in dieser Umgebung unwohl. Die Männer mit ihren schwarzen Mänteln und Hüten, ihren Bärten und ihrer seltsamen Sprache waren ihm völlig fremd. Die Jungen sahen blass aus, und die mit den Schläfenlocken irritierten ihn besonders, auch wenn sie ihm nie Schwierigkeiten machten. Er brauchte sich nie mit ihnen zu prügeln. Er schlängelte sich durch das Gewirr von Schubkarren und Buden und erreichte bald die Rivington Street, wo er bald, ein Stück entfernt, die Kirche sah.
Der Priester empfing ihn freundlich und freute sich sehr über das Geschenk. Er trug Salvatore eindringlich auf, seiner Mutter zu danken.
Aus lauter Angst, zu spät nach Hause zu kommen, rannte er den ganzen Weg zurück. Nachdem er die Bowery, die Grenze zum italienischen Viertel, überquert hatte, lief er noch drei Blocks weiter und bog schließlich nach links in die Mulberry Street ein, wo seine Familie wohnte. Sie warteten schon auf der Straße, für das große Ereignis festlich herausgeputzt: seine Eltern und Giuseppe, sein Bruder Paolo mit blank geschrubbtem Gesicht. Nur seine ältere Schwester Anna war noch damit beschäftigt, der kleinen Maria die Haare zu machen.
»Na endlich!«, sagte sein Vater, als Salvatore erschien. »Wir können gehen.«
»Und wo ist Angelo?«, rief seine Mutter, während sein Vater eine ungeduldige Geste machte. »Anna, wo ist Angelo?« Als älteste Tochter, von der erwartet wurde, dass sie ihrer Mutter half, musste Anna sich meist um Angelo kümmern.
»Mama, ich richte Maria doch gerade die Haare!«, sagte Anna in klagendem Ton.
»Salvatore wird ihn schon finden«, sagte seine Mutter.
Weitere Kostenlose Bücher