Im Rausch der Freiheit
Generation zuvor hatten kräftige irische Einwanderer auf den Baustellen gearbeitet, Kanäle gegraben, Eisenbahnschienen verlegt und die Straßen gekehrt. Viele dieser irischen Familien schafften es, sich emporzuarbeiten. Sie waren jetzt Polizisten, Feuerwehrleute, zum Teil Freiberufler. Jetzt kamen die nachgezogenen Italiener an die Reihe, die schwere körperliche Arbeit zu erledigen. Gut bezahlt wurde sie nicht – nur Schwarze bekamen noch weniger –, aber Giovanni Caruso und sein Sohn Giuseppe waren kräftig und arbeiteten hart. Und mit Annas zusätzlicher Heimarbeit gelang es der Familie, wie den meisten italienischen Einwanderern, trotz allem ein bisschen was auf die Seite zu legen. Jeden Monat ging Giovanni Caruso zur Stabile Bank, Ecke Mulberry und Grand, und überwies Dollar an seine Schwestern in Italien. Außerdem sparte er auch für sich ein bisschen. In ein paar Jahren, hoffte er, würde er genug zusammen haben, um ein kleines Geschäft zu eröffnen oder vielleicht sogar ein Haus zu kaufen. Das war ein Traum, der die langen Jahre der Schufterei erträglich machte. Einstweilen ließ er sogar, seiner Frau zuliebe, Paolo und Salvatore auf der Schule – obwohl Paolo, wie er sie erinnerte, mit seinen dreizehn Jahren durchaus alt genug war, sich seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen.
Nur noch ein paar Jahre. Vor allem mit der Hilfe Signor Rossis.
Wie jeder andere in Little Italy auch, war Signor Rossi aus schlichter Not nach Amerika gekommen. Aber er war ein prominente, ein Mann von Rang. »Mein Vater war Rechtsanwalt«, sagte er oft mit einem Achselzucken, »und wäre er nicht vorzeitig, vor Abschluss meiner schulischen Ausbildung, verblichen, würde ich jetzt in einem schönen Haus in Neapel wohnen.« Dennoch war Signor Rossi ein freundlicher Mann von großem Wissen. Vor allem sprach er gut Englisch.
Giovanni Caruso hingegen konnte selbst nach sechs Jahren in New York nur wenig Englisch sprechen, Concerta überhaupt nicht. Die meisten ihrer Nachbarn, ihre Freunde, sogar ihre Cousins, die so lange vor ihnen nach Amerika gekommen waren, befanden sich in derselben Lage-Sie hatten in ihrem Viertel, so gut es ging, ein kleines Italien nachgeschaffen; aber die große amerikanische Außenwelt war ihnen nach wie vor fremd. Wenn also bei Verhandlungen mit den Behörden oder zum Verstehen eines Vertrags Hilfe erforderlich war, konnte Signor Rossi einem alles wie ein Notar erklären. Er trug stets einen gut geschnittenen Anzug; beruhigte mit seiner gelassenen Art die argwöhnischen Amerikaner und sprach gern für andere Leute. Für derlei Dienste nahm er nie eine Bezahlung an. Doch wenn er in einen kleinen Lebensmittelladen kam oder bei sich zu Hause einen Handwerker brauchte, wurde das Geld, das er anbot, immer mit einem Lächeln ausgeschlagen. Sein eigentlicher Beruf bestand also darin, einem dabei zu helfen, seine Ersparnisse zu mehren.
»Geld, das auf der Bank liegt, ist gut, mein Freund«, erklärte er, »aber Geld, das wächst, ist besser. Die Amerikaner lassen ihr Geld wachsen – warum sollten wir nicht an ihrem Glück teilhaben?« Im Laufe der Jahre war Signor Rossi zu einem recht erfolgreichen banchiere geworden. Er wusste, wie man klug investierte, und Dutzende von Familien schätzten sich glücklich, ihm ihre Ersparnisse anvertrauen zu können. Jeden Monat legte Giovanni Caruso ein wenig mehr in Signor Rossis Hände, und jeden Monat legte Rossi im Gegenzug mit wenigen Zeilen Rechenschaft darüber ab, wie sein kleines Vermögen zunahm. »Haben Sie Geduld«, riet er immer. »Wenn Sie klug anlegen, werden Sie es in diesem Land zu Wohlstand bringen.«
Jetzt ging die Familie stolz die Straße entlang. Giovanni neben seinem erwachsenen Sohn, gefolgt von Concetta mit dem kleinen Angelo, dann Anna und Maria, während Salvatore und Paolo, wie gewohnt, schwatzend und lachend die Nachhut bildeten.
Das kleine Restaurant war noch nicht voll besetzt. In der Mitte des Raumes stand Onkel Luigi, eine Serviette über dem Arm, und bediente einen einzelnen Mann, der allein an einem großen Tisch saß. Es war ein gedrungener neapolitanischer Bursche, seinem Vater nicht unähnlich, aber seine Augen besaßen einen besonderen Glanz. Als sie eintraten und Onkel Luigi sie heranwinkte, strahlte der Mann am Tisch sie an und lud sie mit überschwänglich ausgebreiteten Armen ein, sich zu ihm an den Tisch zu setzen.
»Willkommen«, rief er, »Familie Caruso!«
Salvatore würde diese Mahlzeit niemals vergessen. Noch nie in
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