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Im Rausch der Freiheit

Im Rausch der Freiheit

Titel: Im Rausch der Freiheit Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Edward Rutherfurd
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seinem Leben hatte er so viel Essen auf einmal gesehen.
    Nicht dass man im italienischen Viertel schlecht gegessen hätte. Selbst seine Mutter musste widerwillig zugeben, dass man in Amerika mehr Fleisch aß als im Mezzogiorno und mehr Pasta ebenfalls. Und es gab kein schweres Bauernbrot. In Amerika aß man luftiges Weißbrot wie die Reichen.
    Aber natürlich konnte der große Tenor, der Tausende von Dollar pro Woche verdiente, so viel Essen bestellen, wie er wollte, und schon bald bog sich der Tisch unter italienischer Pasta, amerikanischen bistecche, einer riesigen Schüssel Salat, Kännchen voll Olivenöl, Haufen von Oliven, Flaschen Chianti – zu Ehren Neapels Lacryma Christi, von den Hängen des Vesuv –, Körben voll Brot, Tellern mit Salami und Käse … Und über alldem schwebte ein himmlischer Duft von Tomaten, Pfeffer und Ol. »Mangiate!«, drängte er, während er ihnen das Essen zuschob, und er bestand darauf, dass jedes Kind eine bistecca vorgesetzt bekam. Salvatore meinte, im Paradies zu sein.
    Außerdem strahlte der große Caruso eine Aura der Wärme und Großzügigkeit aus, die den ganzen Raum zu erfüllen schien. »Italien in Amerika«, sagte er zu Giovanni Caruso gewandt mit einem Grinsen, »ist sogar besser als Italien in Italien.« Er klopfte sich auf den schwellenden Bauch. »Hier kommen wir Italiener her, um Fett anzusetzen.« Und tatsächlich, selbst in den stinkenden Mietskasernen der Lower East Side nahmen die mageren Einwanderer aus dem Mezzogiorno fast immer binnen ein, zwei Jahren erkennbar zu.
    Concetta Caruso gegenüber war er äußerst liebenswürdig. Er kannte ihr Heimatdorf, sogar einen ihrer Verwandten. Schon bald strahlte sie. Giovanni Caruso seinerseits, der von der legendären Großzügigkeit des Tenors wusste, gab sich alle Mühe, damit Caruso ja nicht auf die Idee käme, sie hätten ihn in Hoffnung auf ein Geldgeschenk kennenlernen wollen.
    »Es geht uns gut«, erzählte er ihm. »Ich habe schon einiges angespart. Noch ein paar Jahre und ich kauf mir mein eigenes Haus.«
    »Bravo« ,sagte Caruso. »Trinken wir auf das Land der unbegrenzten Möglichkeiten!«
    »Aber Sie, Signor Caruso«, fügte Salvatores Vater respektvoll hinzu, »haben unserem Namen Ehre gebracht. Und uns alle damit emporgehoben.«
    Caruso nahm diesen Tribut mit der Würde eines Stammeshäuptlings entgegen. »Heben wir die Gläser, meine Freunde, auf den Namen Caruso!«
    Während des Essens unterhielt er sich reihum mit jedem Mitglied der Familie. Er sprach Giuseppe seine Anerkennung dafür aus, dass er seinem Vater half, und Concetta dafür, dass sie so prächtige Kinder aufgezogen hatte. Anna, erkannte er auf den ersten Blick, war die zweite Mutter in der Familie. Paolo gestand, dass er gern Feuerwehrmann werden würde, und als Salvatore an die Reihe kam, fragte ihn der Sänger, wie es in der Schule lief.
    Die Verklärungskirche, oder Transfiguration Church, stand zwischen der Mott und der Mulberry Street auf dem Hügelchen, das den kleinen Park überblickte. Als die Carusos in das Viertel gezogen waren, hatte im eigentlichen Kirchenraum ein irischer Priester vor der irischen Gemeinde die Messe gelesen, während ein italienischer Priester unten in der Krypta das Gleiche für seine italienischen Schäfchen tat. Mittlerweile waren die Italiener samt ihrem Priester nach oben umgezogen – ein Zeichen dafür, dass sie es jetzt waren, die in diesem Viertel den Ton angaben. Neben der Kirche befand sich die Schule, die die Caruso-Kinder besuchten.
    »Du musst so viel wie möglich lernen«, schärfte der große Mann Salvatore ein. »Viel zu viele unserer süditalienischen Landsleute verachten die Schulbildung. Sie sagen: ›Warum sollte ein Sohn mehr wissen als sein Vater?‹ Aber das ist falsch. Streng dich in der Schule an, und du wirst in Amerika vorankommen. Verstehst du?«
    Da Salvatore für die Schule nichts übrighatte, war er nicht froh, das zu hören – trotzdem neigte er respektvoll den Kopf.
    »Und dieser junge Mann« – Caruso wandte sich dem kleinen Angelo zu – »lernst du schön in der Schule?«
    Angelo mochte ein Träumer sein, doch in der Schule war er gut. Tatsächlich konnte er schon besser lesen als seine älteren Brüder. Außerdem besaß er eine Begabung fürs Zeichnen.
    Schüchtern, wie er war, brachte er jetzt kein einziges Wort heraus, also übernahm es seine Mutter, dem Tenor diese Fakten mitzuteilen, während Salvatore, der nicht der Ansicht war, dass diese Talente Angelo auch nur das

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