Im Rausch der Freiheit
findet. Lass mich diesen Betrieb anschauen, Giovanni, nur um zu sehen, wie er ist.«
Am Tag darauf gingen sie und Anna dorthin. Eine Woche später nahm Anna Caruso ihre Arbeit in der Triangle Factory auf.
*
Salvatores Tagesablauf änderte sich. Er putzte zusammen mit Paolo bis zum frühen Abend Schuhe, doch dann zog er mit Angelo los und holte Anna von der Arbeit ab.
Die Triangle Factory lag an einer kopfsteingepflasterten Straße östlich des Washington Square Parks, am Fuß der Fifth Avenue. Im Park stand auf einem Granitsockel eine schöne Statue von Garibaldi. Zugegeben, ein Norditaliener, aber immerhin ein Italiener. Der große Held der italienischen Einigungsbewegung hatte, als er 1849 aus Italien fliehen musste, sogar kurze Zeit auf Staten Island gelebt, und es erfüllte Salvatore mit Stolz, dass Garibaldi jetzt mitten in der Stadt so geehrt wurde. Jeden Abend warteten er und Angelo neben dem Denkmal, bis Anna erschien. Manchmal musste sie Überstunden machen; und wenn sie nach einiger Zeit nicht auftauchte, begab er sich mit Angelo wieder nach Haus. Aber in der Regel war sie pünktlich, und dann gingen sie alle zusammen nach Haus – wobei sie gelegentlich irgendwo auf ein Eis oder ein Kuchenteilchen Zwischenstation machten.
Anna war glücklich. Die Tiangle Shirtwaist Company, wie ihr Betrieb hieß, nahm die obersten drei der zehn Geschosse eines großen würfelförmigen Gebäudes ein. Die Manufaktur stellte hauptsächlich die knöchellangen Röcke und die weißen, taillierten Gibson-Girl-Blusen her, die unter dem Namen shirtwaists oder Hemdblusenkleider liefen und bei Arbeiterinnen sehr beliebt waren. Der größte Teil der Arbeit fand an langen Tischen statt, auf denen Reihen von Nähmaschinen von einem einzigen elektrischen Motor angetrieben wurden. Die waren weit leistungsfähiger als die pedalgetriebene Maschine, die ihre Mutter zu Haus verwendete. Viele der Beschäftigten waren Männer – die zum Teil von einem Unternehmer gruppenweise verdingt wurden –, aber es gab auch viele Mädchen. Die meisten Beschäftigten waren jüdischen Glaubens, und vielleicht ein Drittel von ihnen auf die eine oder andere Weise mit den Eigentümern – Mr Blanck und Mr Harris – verwandt, aber es gab auch einige italienische Mädchen. Alle beklagten sich über die Bezahlung und die Arbeitszeiten.
»Aber zumindest ist es dort luftig und hell«, versicherte Anna, »und die Mädchen sind nett.« Salvatore konnte sich vorstellen, dass es ihr außerdem ganz recht war, aus dem Haus zu kommen.
Eine weitere Nebenwirkung des neuen Tagesablaufs war, dass Salvatore und sein kleiner Bruder sich näher kamen.
Angelo war nach wie vor ein Träumer. Seine schulischen Leistungen waren wechselhaft, aber was er wirklich liebte, war Zeichnen. Er hatte immer einen Bleistiftstummel in der Tasche und benutzte jedes Stück Papier, das ihm in die Hände fiel. Wenn er und Salvatore Anna abholten, wählten sie oft unterschiedliche Routen. Fast jedes Mal fand er etwas, das sein Interesse weckte, und dann blieb er stehen und zeichnete es ab, bis Salvatore ihn wegschleifte. Oft fielen ihm schöne Steinmetzarbeiten über einem Hauseingang oder hoch oben am Gebälk oder an den Gesimsen der hohen Bürogebäude auf. Keiner in der Familie hielt allzu viel von seinen Bemühungen – außer Onkel Luigi.
»Kein Wunder, dass ihm diese Verzierungen gefallen«, erklärte er. »Was glaubt ihr, wer die gemeißelt hat? Italienische Steinmetze! Überall in der Stadt. Schaut euch die Häuser der Amerikaner an – vom alten Rom kopiert! Jetzt bauen sie hohe Bürohäuser – große Stahlkäfige –, doch die Käfige verkleiden sie außen mit Ziegeln und Stein und legen rings um die Dachkante römische Gesimse an, sodass sie wie italienische palazzi aussehen. New York wird langsam zu einer italienischen Stadt!«, rief er enthusiastisch aus. »Unser kleiner Angelo wird einmal ein großer Architekt, ein geachteter Mann. Deswegen zeichnet er!«
Dieser ehrgeizige Plan schien so offensichtlich nicht zu verwirklichen, dass keiner weiter auf ihn hörte. Sein Vater sagte bloß mürrisch: »Vielleicht kann er ja Steinmetz werden.«
Über ein Jahr arbeitete Anna bei Triangle ohne einen Zwischenfall.
*
Das Jahr 1910 fing an einem Samstag an. In New York lag eine hauchdünne Schneeschicht, und als Rose Master am Sonntagmorgen in den Rolls-Royce einstieg und in Richtung Downtown aufbrach, war der Himmel strahlend blau.
Ihr blieb noch eine Stunde bis zum verabredeten
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