Im Rausch der Freiheit
das bedeutete eben, in die Höhe zu bauen. In den letzten zwanzig Jahren hatte die Entwicklung des Stahlskelettbaus dazu geführt, dass das Gewicht eines Gebäudes nicht mehr durch seine Mauern getragen werden musste, sondern dass dies preisgünstig und effektiv durch ein Gerüst – ein »Skelett« – aus Stahlträgern bewältigt werden konnte. Im Mittelalter hatten Baumeister es geschafft, mithilfe von steinernen Säulen oder komplexen Holzgerippen zum Teil gigantische Gebäude zu errichten, doch solche Konstruktionen waren äußerst kostspielig. Verglichen damit war der Stahlskelettbau unkompliziert und preiswert.
Doch es passte auch zum Geist der Zeit, dachte er, dass die Titanen der amerikanischen Wirtschaft ihre Bauwerke in den Himmel trieben, so dass sie den gigantischen neuen Kontinent adlergleich überschauen konnten. Und wenn die hoch aufragenden Gebäude Berggipfeln ähnelten, sah er voraus, dass die Boulevards bald gewaltigen Schluchten gleichen würden.
Vom Flatiron Building zum Gramercy Park war es nur noch ein kurzer Spaziergang von nicht einmal fünf Blocks. Als der Butler die Tür öffnete, verriet das Stimmengewirr Keller, dass er eine größere Gesellschaft antreffen würde. Er sah nicht, dass ein silberfarbener Rolls-Royce hinter ihm an den Bordstein fuhr.
*
Als sie Edmund Keller sah, nickte Rose vor sich hin. Bislang hatte sie es recht gut geschafft, ihn auf Abstand zu halten. Einmal hatte er nachmittags an ihrer Tür geklingelt, und sie hatte dem Butler aufgetragen zu sagen, sie sei »nicht zu Haus«. Es war eine in gehobenen Kreisen übliche konventionelle Botschaft, und er war gegangen. Wenig später hatte er ihr einen kurzen Brief geschrieben, in dem er seiner Hoffnung Ausdruck verlieh, ihr bald seine Aufwartung machen zu dürfen, und sie hatte gleichermaßen höflich geantwortet, da eines ihrer Kindern die Masern habe, sei es auf absehbare Zeit leider nicht möglich. Daraufhin hatte er sie nicht wieder behelligt. Als sie ihn jetzt aber Hettys Haus betreten sah, dachte sie: Nun, wenn der Sozialist Mr Keller hier erscheint, so beweist das nur, wie Recht ich damit habe zu intervenieren! Und wenn er Krieg wollte, dann sollte er ihn bekommen.
»Hier steigen wir aus«, sagte sie zu den zwei jungen Leuten, die sie begleiteten. Und ein paar Augenblicke später rauschte sie auch schon mit den beiden am erstaunten Butler vorbei.
Sie lächelte strahlend, obwohl sie, als sie die übrigen Gäste sah, nicht umhinkonnte, sich zu freuen, dass die liebe Mrs Astor achtzehn Monate zuvor gestorben war. Gott sei Dank, dachte sie, dass die Ärmste das nicht mehr erleben musste!
*
Die ganze leidige Geschichte hatte im Herbst angefangen, als einige der Näherinnen in den Fabriken in Downtown sich über ihre Arbeitsbedingungen zu beschweren begannen. Vielleicht mit Grund, Rose wusste es nicht. Aber im Handumdrehen waren Agitatoren aufgetaucht – größtenteils Sozialisten und Revolutionäre aus Russland, wie sie gehört hatte –, die die Frauen weiter aufwiegelten. Die Näherinnen drohten zu streiken, und die Fabrikbesitzer waren empört.
Nicht so Mr Blanck und Mr Harris, die Eigentümer der Triangle Factory. Sie hatten für ihre Beschäftigten eine betriebseigene Gewerkschaft gegründet und dazu klipp und klar erklärt, dass jede Näherin, die nicht der betriebseigenen, sondern der militanten unabhängigen Gewerkschaft beitrat, fristlos entlassen würde.
Bald geriet der ganze Textildistrikt in Aufruhr: Die Arbeiterinnen riefen zu einem Generalstreik auf, und die Mutigeren unter den Arbeitgebern, allen voran Triangle, sperrten sie aus und stellten dafür andere ein. Manche Inhaber heuerten Schlägertrupps dafür an, dass sie die Rädelsführer verprügelten. Die Tammany Hall, die die Polizei kontrollierte, stand auf der Seite der Arbeitgeber, und es kam zu Festnahmen. Doch die Gewerkschaft setzte Frauen als Streikposten ein, und als die verhaftet und zu Zwangsarbeit verurteilt wurden, kam es zu öffentlichen Sympathiebekundungen. Sogar die New York Times, die gewöhnlich die Interessen der Arbeitgeber unterstützte, begann zu schwanken.
Rose billigte die schlechte Behandlung oder die Anwendung von Gewalt zwar keineswegs, aber bei solchen Dingen musste die Verhältnismäßigkeit gewahrt bleiben, sie durften nicht außer Kontrolle geraten. Und das wären nicht sie auch nicht, hätte es nicht eine bestimmte Gruppe von Frauen gegeben. Die Frauen in diesem Raum.
Das musste man der alten Hetty lassen,
Weitere Kostenlose Bücher