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Im Tal des Fuchses: Roman (German Edition)

Im Tal des Fuchses: Roman (German Edition)

Titel: Im Tal des Fuchses: Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Charlotte Link
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beantwortet. Er hatte mit Nora am Frühstückstisch gesessen. Eine halbe Stunde später war er in dem Copyshop erschienen, in dem er arbeitete. Ja, Dan, sein Chef, konnte das bestätigen. Er hatte seinen Arbeitsplatz gegen fünf Uhr am Freitagnachmittag verlassen, war sofort nach Hause gegangen, um sich umzuziehen. Er und Nora waren zu einer Geburtstagsfeier eingeladen gewesen. Das konnten an die fünfzig Gäste, die sich ebenfalls auf dem Fest aufgehalten hatten, bezeugen. Sie hatten die Party verfrüht verlassen. Warum? Er war von einem der weiblichen Gäste recht heftig angegangen worden wegen seiner Vergangenheit. Er und Nora hatten noch in einem Pub gegessen und anschließend daheim auf dem Anrufbeantworter eine Nachricht von Bradley vorgefunden. Nachdem sie erfahren hatten, was geschehen war, waren sie sofort losge fahren. Nein, er hatte seit sechs Jahren keinerlei Kontakt zu seiner Mutter gehabt. Er wusste nichts von ihrem Leben. Weder hatte er eine Ahnung davon gehabt, dass sie in dieser Praxis in Whitby arbeitete, noch hatte er ihre tägliche Routine gekannt, von ihrem Weg durch die Hochmoore jeden Morgen nichts gewusst und nichts davon, dass sie immer dieses Mädchen mitnahm. Nein, er hatte nichts mit dem Verschwinden seiner Mutter zu tun. Er konnte überhaupt nichts damit zu tun haben , wie Fuller, wenn er die Angaben überprüfte, leicht würde feststellen können, aber abgesehen davon: Er hatte auch keinen Grund, ihr etwas anzutun.
    DS Fuller kniff an dieser Stelle die Augen zusammen. »Weshalb war der Kontakt zu Ihrer Mutter vollkommen abgerissen?«, fragte er. »Gab es ein größeres Zerwürfnis?«
    »Meine Mutter warf mir meinen Lebenswandel vor«, sagte Ryan. »Und irgendwann wollte sie davon nichts mehr mitbekommen, weil es sie zu sehr belastete.«
    »Ihren Lebenswandel? Sie meinen die Tatsache, dass Sie es seit Ihrem Schulabbruch nur selten einmal mit einer richtigen Arbeit versucht haben? Stattdessen immer wieder wegen größerer und kleinerer Delikte mit dem Gesetz in Konflikt gerieten?« Fuller hatte sich augenscheinlich genau informiert.
    »Ja«, sagte Ryan.
    Fuller wandte sich abrupt an Bradley. »Wie ist Ihr Verhältnis zu dem Sohn Ihrer Frau?«
    Bradley sah unglücklich und verstört aus. »Ich habe das damals forciert. Dass Corinne den Kontakt zu ihm abbrach, meine ich. Ich konnte es nicht mehr mit ansehen, wie sie sich seinetwegen grämte. Sie litt ständig, und mir wurde irgendwann klar, dass er sich nicht ändern würde. Es ging Corinne besser, nachdem sie wenigstens nicht mehr mitbekam, was er alles so anstellte. Obwohl der Bruch sie natürlich sehr traurig stimmte.«
    »Trotz allem haben Sie sich jetzt als Erstes an Ryan Lee gewandt. Warum?«
    Bradley machte eine hilflose Handbewegung. »Er ist ihr Sohn. Ihr einziger lebender Angehöriger. Ich dachte, er muss wissen, was passiert ist. Ich hoffte … Ich weiß nicht. Ich wusste ja nichts davon, dass er … dass er im Gefängnis saß.«
    Fuller wandte sich nun wieder an Ryan. »Hassen Sie den Mann Ihrer Mutter? Immerhin war er es, der darauf hinwirkte, dass sich Ihre Mutter von Ihnen abwandte. Was Ihnen sicher bekannt war.«
    Ryan saß auf einem Sessel, seine Schultern waren nach vorn gesunken. Mit jeder Minute, die verging, mit jeder Frage, die der Sergeant stellte, das konnte Nora sehen, fiel er mehr in sich zusammen.
    »Nein«, antwortete er schließlich mit leiser Stimme. »Ich hasse ihn nicht. Ich war damals … fast erleichtert, als meine Mutter den Kontakt abbrach. Sie hörte auf, mir Vorwürfe zu machen. Ich musste mich nicht mehr dauernd vor ihr schämen, wenn wieder etwas schiefgelaufen war, wenn mir wieder gekündigt wurde oder ich wieder einmal bei der Polizei landete. Ich fühlte mich befreit. Und für dieses Gefühl hasse ich niemanden.«
    Fuller war irgendwann gegangen, und für den Rest des Nachmittags hatten Bradley, Ryan und Nora im Wohnzimmer gesessen, und fast die ganze Zeit über hatte Bradley lamentiert, entweder über Corinnes Verschwinden oder über den Umstand, dass Ryan im Gefängnis gewesen war. Ein paarmal riefen Freundinnen von Corinne an, um sich zu erkundigen, ob es etwas Neues gab. Nora kochte mehrmals frischen Kaffee und bereitete schließlich aus den Vorräten, die sie in der Küche fand, ein Abendessen. Ryan und Bradley rührten kaum etwas davon an. Gegen zehn Uhr sagte Nora zu Bradley: »Sie sollten sich jetzt unbedingt hinlegen, Bradley. Sie sehen todmüde aus. Im Moment können Sie nichts tun,

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