Im Tal des Fuchses: Roman (German Edition)
deshalb sollten Sie einfach schauen, dass Sie bei Kräften bleiben. Es waren zwei harte Tage.«
Bradley nickte und erhob sich aus seinem Schaukelstuhl. »Ich glaube kaum, dass ich schlafen kann, aber ich lege mich hin, ja. Danke für Ihre Fürsorge, Nora. Können Sie mir etwas verraten? Sie sind eine hübsche, gescheite und lebenstüchtige junge Frau. Was, um Himmels willen, finden Sie an diesem Versager, der außer einer kriminellen Karriere bislang nichts auf die Beine gestellt hat?«
Die Worte hingen dröhnend in dem stillen Raum.
Ryan hob nicht einmal den Kopf.
»Ich mag ihn, Mr. Beecroft«, sagte Nora schließlich. »Und im Unterschied zu Ihnen sehe ich das Gute in ihm.«
»Sie haben etwas Besseres als ihn verdient«, entgegnete Bradley. Er seufzte tief. Seine Augen waren rot unterlaufen vor Erschöpfung und Sorge. »Ich hoffe, dass Sie ihn nicht romantisieren. Und nicht meinen, der Engel zu sein, der berufen ist, ihn zu retten. Man kann Ryan nämlich nicht retten. Er wird immer der bleiben, der er ist.«
Nora sagte nichts darauf. Die Situation barg das Potenzial zur Eskalation, und diese wollte sie um jeden Preis verhindern. Bradley würde das nicht durchstehen. Ryan auch nicht.
»Ihr könnt heute Nacht hier schlafen«, sagte Bradley schließlich. »Aber ich bitte euch, morgen abzureisen. Ihr könnt nicht helfen, und ich möchte Ryan nicht länger unter meinem Dach sehen.«
So waren sie alle in ihren Zimmern verschwunden, und Nora saß nun neben Ryan im Bett und fragte sich, wie sie ihn erreichen könnte. Es war nicht vorstellbar, einfach das Licht auszuschalten und Gute Nacht zu sagen. Ryan war nach der durchwachten letzten Nacht, nach der langen Autofahrt und dem zermürbenden Tag zwar vollkommen am Ende seiner Kräfte, aber zugleich vibrierte er am ganzen Körper und zitterte vor innerer Erregung. Er würde keinen Schlaf finden.
Nora widerstand dem Impuls, ihren Arm auszustrecken und Ryans Hand zu ergreifen. Sie fürchtete, dass ihm das nicht recht sein würde, aber sie hätte ihm gern gezeigt, dass sie auch innerlich ganz bei ihm war.
Schließlich fragte sie: »Was für ein Mensch ist deine Mutter?«
Es dauerte eine Weile, ehe Ryan antwortete. »Sie ist sehr fürsorglich«, sagte er dann leise, »warmherzig. Sie ist für jeden da, der sie braucht. Sie hat viele Freunde. Jeder mag sie, weil sie einfach nett ist. Und fröhlich. Man fühlt sich wohl in ihrer Nähe.«
Nora zögerte, wagte dann aber doch das Thema anzuschneiden, das sie seit dem Nachmittag beschäftigte. Sie war im Haus herumgestreift und hatte in einem Regal auf dem oberen Flur ein weiteres Bild von Ryan gefunden – zumindest vermutete sie, dass es sich um Ryan handelte: ein etwa siebenjähriger Junge, der in einem Planschbecken saß und über das ganze Gesicht strahlte. Im Hintergrund konnte man die Fassade eines efeubewachsenen Hauses sehen. Ringsum blühte ein sommerlicher Garten in allen Farben.
Sie hatte das Bild lange betrachtet.
»Es stimmt nicht, was du mir im Gefängnis erzählt hattest«, sagte sie nun behutsam. »Das mit deiner schlimmen Jugend. Dein ewig betrunkener Stiefvater, deine hilflose Mutter. Das hast du erfunden, nicht wahr?«
Es ging Ryan zu schlecht, als dass er auch nur den Versuch gemacht hätte, wenigstens halbwegs das Gesicht zu wahren. Er nickte stumm.
»Du hattest eine schöne Kindheit. Mit einer liebevollen Mutter. Und dein Stiefvater war auch ganz in Ordnung, stimmt’s?«
Er seufzte und nickte wieder. »Was meinen leiblichen Vater betrifft, hatte ich dir die Wahrheit gesagt, er starb, als ich vier Jahre alt war. Der Mann, den meine Mutter dann heiratete und mit dem sie das Bed & Breakfast in Camrose weiterführte, war wirklich nett. Weder trank er, noch war er gewalttätig. Allerdings nahm er es mit der Treue nicht allzu genau, deshalb gab es immer wieder Auseinandersetzungen zwischen ihm und Corinne. Als ich vierzehn war, reichte es ihr, und sie ließ sich scheiden. Sie lebte dann allein mit mir in Swansea. Später traf sie Bradley. Insofern … war meine Jugend nicht ganz störungsfrei, aber welche Jugend ist das schon? Ich dachte nur …« Er sprach nicht weiter.
»Du dachtest, du müsstest mir eine Erklärung für deine Lebensgeschichte geben«, sagte Nora. »Dafür, dass du die Schule abgebrochen hast, keine Ausbildung durchhalten konntest, immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt geraten bist. Du dachtest, ich verstehe dich sonst nicht?«
»Es ist ja auch nicht zu verstehen. Es gibt in
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